Literatur
12. März 2008
Lukas Bärfuss: Auch als Romancier aufs richtige Thema gesetzt

Lukas Bärfuss ist viel gelobt worden in den letzten Tagen. Zu recht. Mit “Hundert Tage” ist er ein grosses Thema angegangen, wobei der Aspekt der unsinnigen, naiven Schweizer Entwicklungshilfe nur der offensichtlichste ist. Interessant ist vor allem die präzise Schilderung, wie Leute mit guter Absicht das völlig Falsche bewirken, in einen Sog geraten und zu Mittätern werden. In diesem Fall: wie Schweizer Entwicklungshelfer in Ruanda zu Helfern von Massenmördern wurden.
Bärfuss trifft perfekt die Tonalität, die für ein solches Thema nötig ist: Aus der Sicht eines gutgläubigen Entwicklungshelfers geschrieben, nicht anklagend und durch die Rahmengeschichte aus einer gewissen Distanz heraus.
Ein Buch, das es zu lesen gilt. Auch wenn stilistisch einige Stolpersteine vorliegen. Schon der erste Satz ist wenig einladend:
“Sieht so ein gebrochener Mann aus, frage ich mich, wie ich ihm gegenübersitze und draussen der Schnee einsetzt, der seit Tagen erwartet wird und nun in feinen Flocken auf die grünbraunen Felder und in den Nachmittag fällt.”
Solche Sätze tauchen immer wieder auf, ab und zu auch noch schlimmere. Und: Vieles nennt Bärfuss nicht beim Namen. Manchmal ist das sinnvoll, da es so weniger anklagend wirkt, oft ist es ein unnötiges Versteckspiel, z. B. die Unterschlagung der Wörter ”Aids” oder “Ruanda” (“Kigali” fällt hingegen dauernd).
Vielleicht ist gerade dies der Grund, weshalb der Bärfuss-Roman so positiv heraussticht: endlich wieder ein Autor, der seinen Fokus voll auf den Inhalt richtet – nicht wie viele Zeitgenossen, die sich so sehr auf Form und Sprache versteifen, dass sie gar nicht mehr wissen, was sie überhaupt sagen wollen.
Die richtigen und wichtigen Themen anzupacken, das ist Bärfuss’ Erfolgsrezept als Dramatiker – genau das wiederholt er nun als Romancier.
/sms ;-) schrieb:
wow. ich habe erst heute in einem liegengebliebenen tagi von diesem buch erfahren. und du hast es schon gelesen? toll.. . hast du kontakt zu lukas? (ähm… ;-))
und: “it’s a free world…” hast du wohl auch schon gesehen?!? … himmel…
Geschrieben am 13. März 2008 um 00:06Uhr | Permalink
Larissa schrieb:
Was gefällt dir am Satz nicht? Er macht, was er beschreibt, tändelt am Zerbrechen.
(Das Buch erscheint ja auch nicht in irgendeinem Hauruck-Verlag – welcher Ungenauigkeiten übersehen würde). Die unsaubere Wortwahl ist m.E Absicht – erzeugt Unwohlsein von Beginn weg.
Und danke für den Lesetipp (^_^)!
Geschrieben am 13. März 2008 um 00:09Uhr | Permalink
rb schrieb:
Was mir am ersten Satz nicht gefällt? Dass er sehr umständlich ist.
Dass der Schnee schon seit Tagen erwartet wird, was hat das mit den Gebrechen eines Mannes zu tun? Aber das ist rein subjektives Empfinden.
@SMS: Ich bin kein Schnellleser… Als Journalist (vielleicht auch als Blogger) kann man bei den Verlagen Druckfahnen bestellen und so das Buch schon im Voraus lesen.
Geschrieben am 13. März 2008 um 09:33Uhr | Permalink
philipp meier schrieb:
das ist in gewissem sinne das buch zu http://www.motherland.ch und http://www.myspace.com/motherlandcalling
Geschrieben am 13. März 2008 um 20:22Uhr | Permalink
/sms ;-) schrieb:
habe das buch nun auch endlich gelesen: http://blog.rebell.tv/p7345.html
danke für deine hinweise, rb
Geschrieben am 19. März 2008 um 11:28Uhr | Permalink
von rosen schrieb:
Ein alter Onkel von mir spürte schon 3-4 Tage vor Schneefall den Schnee und zwar immer.
Geschrieben am 12. Juli 2008 um 23:49Uhr | Permalink
rose de pinsec schrieb:
Tout bon, tout bon, ein Thema aufzunehmen, dem es an Brisanz nicht mangelt. Auch das Haller-Stück im Stadttheater belegt, dass Bärfuss sich an heikle Stoffe wagt und dass ihm Gehalt wichtiger ist als Stil. Aber es könnte ihm ja fairerweise jemand ein sorgfältiges Lektorat anbieten, damit er den Schweizer Buchpreis auch wirklich verdient und sich der arme Thuner Gymnasiallehrer nicht mehr zu schämen braucht.
Geschrieben am 11. November 2008 um 12:40Uhr | Permalink
com schrieb:
Verschlägt das Buch den Schweizern die Sprache? Es kann ja wohl nicht um Schnee gehen…
Mich hat das Buch bis in die Zellen berührt. Zunächst hat mich die naive Einstellung der Entwicklungshelfer geärgert – als “gute” Schweizerin fühlte ich mich mehrmals schmerzlich ertappt! Dann hat es mir zunehmend den Atem verschlagen. “Weil ich gerecht sein wollte, wurde ich schuldig und als ich mich mich schuldig machte fühlte ich mich gerecht.” Lukas Bärfull hat Dinge beim Wort genannt, andere nur angedeutet und einige ganz weggelassen. Gerade dadurch hat er bei mir den Abwehrmechanismus geknackt und mich voll getroffen. Hier geht es nicht nur einfach um ein zeitgeschichtliches “Thema”, oder?
Geschrieben am 1. Januar 2009 um 18:55Uhr | Permalink
/sms ;-) schrieb:
ps: in der zwischenzeit habe ich lukas bärfuss in berlin getroffen: http://tv.rebell.tv/p3092.html
Geschrieben am 1. Januar 2009 um 20:36Uhr | Permalink