Literatur


Christoph Simon: Warum man nicht Schriftsteller werden sollte

Im Tagi-Literaturblog berichten einige Autoren aus ihrem Autoren-Alltag. Dabei sticht Christoph Simon heraus, bei dem man das Gefühlt hat, er wolle allen potenziellen Schriftstellern von dem Beruf abhalten. Ein Beispiel:

“Ich lebe in billigen Zimmern. Trinke Dennerbier. Die Bücher gehören der Stadtbibliothek. Die wenigen Kleidungsstücke, alle von der Firma Hennes & Mauritz aus Norwegen, lassen sich über einen Stuhl werfen. Gäste sitzen auf der Bettkante. Die Kinder kosten weniger als befürchtet, noch sind keine Rechnungen für Mal- und Reitunterricht zu begleichen. Den Internetanschluss bezahlen die Wohnkollegen. Die Gleichstellung befreit mich davon, für jedes Nachtessen aufzukommen, wenn die Gefährtin und ich ausgehen. Der Lebenszweck von eher kontemplativen Schriftstellern scheint ganz entschieden darin zu liegen, nicht für Geld zu schreiben.”

Sein letztes Werk:

“Welchen Widerwärtigkeiten ein junger, gutmütiger Schriftsteller ausgesetzt ist! Die geläufigsten Kränkungen, Verdriesslichkeiten, Versehrungen:

Die Buchpräsentation, zu der niemand kommt, der Veranstalter, die das Honorar drücken will, das Radiogespräch, bei dem die erste Frage lautet: ‘Weshalb ist Ihr drittes Buch nicht so erfolgreich wie das erste?’ Verwandte, die sich über die hohen Buchpreise verbreiten und implizit oder explizit Nachlass verlangen. Nicht in einer Anthologie vertreten zu sein. In einer Anthologie vertreten zu sein, aber dein Name steht nicht auf dem Titel. In einer Anthologie vertreten zu sein mit deinem Namen auf dem Titel, aber nicht in der Rezension der Anthologie erwähnt zu werden. Vor zwei Leuten zu lesen – die Inhaberin der Buchhandlung und eine Freundin von dir, die so freundlich ist, hereinzuschauen und so zu tun, als sei sie eine interessierte Leserin. Schüler im erzwungenen Schreibatelier, die dich sofort respektieren würden, wenn sie dich nur einmal im Fernsehen gesehen hätten. Und dich das eine mal, als du tatsächlich im Fernsehen warst, nicht gesehen haben. Ein hoch verehrter Autorenkollege taucht an der Lesung auf und sitzt während der gesamten Zeit kopfschüttelnd in der ersten Reihe. Leute, die behaupten, viel zu lesen und dann deinen Namen nicht kennen. (Sie lesen tatsächlich viel und kennen deinen Namen zu Recht nicht.) Buchhandlungen, die deine Bücher nicht haben. Buchhandlungen, die die Bücher haben, aber sie offenkundig nicht verkaufen. Ganze Landstriche, die dich ignorieren. Podiumsdiskussionen zum Thema Schreibende Lebensformen – und du bist nicht eingeladen.”

Weshalb Christoph Simon trotzdem Schriftsteller bleibt — und seine Schilderungen auch kaum jemanden von dem Beruf abhalten werden –, wurde in diesem Blog schon einmal ausgiebig diskutiert: Weshalb so viele Leute in die Kulturbranche drängen

Kommentare (6) zu “Christoph Simon: Warum man nicht Schriftsteller werden sollte”

  1. Alice / Zappadong schrieb:

    Ich hoffe doch stark, dass Christoph Simon noch lange schreibt. Seine Blogeinträge sind einfach köstlich zu lesen – er scheint mir einer der wenigen zu sein, die das ganze nicht so (Denner)-bierernst nehmen.

    Alice

  2. sven schrieb:

    ich ziehe den hut vor christoph simon, nicht nur weil er denner-bier trinken muss, was schon etwas bitter ist. seinen roman “luna llena” habe ich in einer leserunde verschlungen. ich werde heute abend in der gleichnamigen kneipe ein bier trinken, und falls er auch dort ist, ihm eine stange spendieren (egger-bier, ganz ok). und wer sonst noch im tagi-literaturblog lesen will: simon chen, unbedingt merken.

  3. rb schrieb:

    “Luna Llena” ist das Einzige, was ich bisher von Simon gelesen haben. Auch ich habe das Buch genossen, sicherlich auch aus nostalgischen Gründen; ich fühlte mich in meine Berner Studienzeit zurückversetzt, bei der ich einige Abende im Luna Llena verbracht hatte.

  4. Thinkabout schrieb:

    Zum Glück brauchen wir uns nicht zu sorgen: Ein Schriftsteller muss sich sein Leben lang der Schrift stellen. Wenn das einmal angefangen hat, hört es nicht wieder auf. Es sei denn, man gibt sich selber auf. Aber auch darüber wäre zu schreiben.
    Weiter machen, Herr Simon, weitermachen. Auch wenn es keine Sau interessiert (was ich nicht glaube), aber Sie sind es sich wert!

  5. elias schneitter schrieb:

    lb christoph, hab gott sei dank – wenn ich deine zeilen lese – nichts mit literatur zu tun, weil ich mich ganz der politik verschrieben habe und kämpfe mich trinkfest von einer wahl zur nächsten. ich kann mich etwas in dich hineindenken, denn mir geht es ähnlich. trinke jeden tag mit ganzen rudeln von wählern bier um bier (stiegl, zipfer, starkenberger, gösser, zwettler, ottakringer unter umständen sogar ein heineken, wenn der gegenüber in unserem land wahlberechtigt ist) und alle versprechen mir, mich zu wählen und ihre vorzugsstimme zu geben und wenn ich all die flaschen und gläser bier zusammenzähle, dann müsste ich längst schon bundeskanzler sein, aber ich schaffe nicht mal bis zum vizebürgermeister.
    was ich dir damit sagen will: politiker sind die gleichen ärsche wie literaten und es geht ihnen ähnlich beschissen, nur haben wir poltiker den vorteil, dass wir vom ganzen wahlvolk als arschlöcher wahrgenommen werden. zumindest was und jedenfalls besser als ein literat zu sein, dem nicht einmal die verwandten ein buch abkaufen.
    was solls: sauf dir bei lena einen mit österreichischen bier an. ich komme dann und bezahle. übrigens: was ist mit dem leuchtelement. hab ich schon wieder mal nicht bezahlt? fehlt mir. grüße von irgendwoher, weil ich weiß nicht genau wo ich grad bin.

  6. Anita schrieb:

    Meine Liebe zu Christoph Simon hat direkt mit Planet Obrist begonnen. Süffig wie ein bretonischer Cidre, süss wie ein Stück Schokolade, würzig wie Chili und brennend wie Wasabi-Paste. Total rund, gut, man möchte mehr, bis einem vor lauter Völlegefühl der Bauch schmerzt und die Welt rundum.
    Auf den Berner (nicht auf den Hund) gebracht hat man mich in einer Buchhandlung in – man lese und staune – Hamburg! Weil (warum wohl?) man mir mein Berndeutsch anhörte und der Typ gemeint hat, ich müsse als logische Schlussfolgerung den Simon kennen. Was erst heute so ist, dafür bleibt! Endlich mal ein Berner, der die Nase vorn hat – schlicht genial! Merci viu Mau Christoph.