Literatur
18. März 2008
Sehnsucht nach Intellektuellen

Zehn Minuten vor Beginn standen noch Dutzende von Menschen im Regen und wollten ins Kaufleuten — nicht an eine Party, sondern an ein Podiumsgespräch über Intellektuelle, über ein angebliches ”Schweigen der Denker”.
Es redeten die Schriftsteller Lukas Bärfuss und Robert Menasse, der Philosoph Georg Kohler, als vorwiegend stumme Quotenfrau Pia Reinacher und — weil er einfach bei allen Diskussionsrunden dabei ist — der Soziologe Kurt Imhof. Geleitet wurde das Gespräch von Tagi-Chefredaktor Peter Hartmeier.
Erst wollten Imhof und Kohler das Mitmach-Internet (und damit vielleicht auch den Kulturblog) dafür verantwortlich machen, dass die Intellektuellen nicht mehr erhört werden. Von “Bauchstalinismus” und “herrschaftsfreiem Dialog” war die Rede.
Bärfuss brachte handfestere Argumente: Als Intellektueller gehöre man trotz tiefem Einkommen zu einer Art Elite. Und die habe den Kontakt zu den Menschen verloren, die die Entscheidungen der Politik am meisten treffe. Menasse konterte, man müsse nicht alle Menschen kennen, um gesellschaftliche Entwicklungen zu erkennen.
Je länger je mehr gings nicht mehr darum, ob und weshalb das Wort der Intellektuellen heute weniger Gewicht hat als früher, sondern um die Gefahr des Rechtspopulismus. Gegen Schluss wähnte man sich an einer Anti-SVP-Veranstaltung. Judith Stamm und Franz Hohler meldeten sich aus dem Publikum zu Wort, sie geisselten die zunehmende Radikalisierung der Politik durch die SVP. Georg Kohler zog lautes Missbehagen auf sich, als er Gegensteuer geben wollte und zu recht anmerkte, die Demokratie lebe von der Auseinandersetzung — er debattiere gerne, auch mit einem Mörgeli.
Spätestens bei den Voten aus dem Publikum wurde klar: Der bis auf den letzten Platz gefüllte Saal wünschte sich von den Intellektuellen vor allem Argumente gegen die SVP. Doch solchen Erwartungshaltungen zu folgen wäre fatal: sobald die Voten der Intellektuellen voraussehbar sind, sind sie überflüssig. Lukas Bärfuss hat gerade mit seinem neuen Roman bewiesen, wie spannend es sein kann, wenn jemand ein Thema ideologisch unbelastet angeht (siehe hier).
Der Abend hat immerhin gezeigt: die Sehnsucht ist gross, dass sich Schriftsteller zur Tagesaktualität äussern. Für die Autoren könnte dies eine Chance sein.
gruppe edvard kunzt schrieb:
Sind die Intellektuellen eine autonome und unabhängige gesellschaftliche Gruppe, oder hat jede soziale Gruppe ihre eigene, spezifische Kategorie Intellektueller? Das ist auf Grund der verschiedenen Formen, unter denen sich bisher der reale historische Prozeß der Herausbildung verschiedener Intellektuellengruppen vollzog, ein komplexes Problem.
Geschrieben am 18. März 2008 um 13:48Uhr | Permalink
philipp meier schrieb:
DER INTELLEKTUELLE IST EIN AUTOR. PUNKT!
Geschrieben am 18. März 2008 um 14:07Uhr | Permalink
rb schrieb:
Robert Menasse definierte den Intellektuellen als jemanden, der im Gegensatz zu allen anderen Berufsleuten von keinen partikularen Interessen getrieben ist und sich damit einen anderen Blickwinkel einnimmt. Finde ich nicht schlecht als Definition, sofern sich die Intellektuellen dann nicht von einer Interessensgruppe kaufen lassen, wie das Kurt Imhof von sich selbst offen zugibt.
Geschrieben am 18. März 2008 um 14:12Uhr | Permalink
gruppe edvard kunzt schrieb:
DIE INTELLEKTUELLEN SIND DIE ‚COMMIS’ DER HERRSCHENDEN GRUPPE, UM DIE UNTERGEORDNETEN FUNKTIONEN DER GESELLSCHAFTLICHEN HEGEMONIE UND DER POLITISCHEN HERRSCHAFT AUSZUÜBEN. AUSRUFEZEICHEN!
Geschrieben am 18. März 2008 um 15:31Uhr | Permalink
philipp meier schrieb:
@gek (1. kommentar): richtig! die probleme sind komplex! genau da liegt der hund begraben; denn, die intellektuellen haben längst erkannt, dass es keine einfachen parolen, lösungen, antworten (mehr) gibt; mit komplexität erreicht man jedoch keine publika. ergo: die intellektuellen reden andauernd (siehe z.b. gek oder rebell.tv), sie werden jedoch nicht mehr verstanden.
@alle: sollen die intellektuellen mit/durch ihre komplexen «werke» weiter darauf verweisen, dass alles viel komplexer ist, als gewünscht/angenommen? oder: sollen die intellektuellen wieder die einfache sprache wählen, im wissen, dass sie dadurch den problemen ausweichen, statt sich ihnen anzunähern?
Geschrieben am 18. März 2008 um 15:53Uhr | Permalink
Thomas H. schrieb:
Sollten Intellektuelle nicht in der Lage sein, komplexe Sachverhalte möglichst allgemein verständlich zu vermitteln?
Geschrieben am 18. März 2008 um 17:28Uhr | Permalink
platonia mars schrieb:
kriege sind durch die intellektuellen entstanden und verbreitet und angeheizt worden.ebenfalls das kriegsmaterial ist nicht wallholz ausgeschlossen,von den bescheidenen denker erfunden worden.wer sich ein intellektueller schimpft und das arbeitende volk nur missbraucht um sich irgendwelche pöstchen beim staat zu sichern ist dumm genug um auf die dauer ausgeschlossen zu werden aus der reihe gesunder menschen.den giftmüll von intellektuellen kann ja wie immer vom schwehr arbeitenden volk entsorgt sein.das hirn eines sogenannten intellektuellen ist nichts anderes als eine giftküche.wenn der bauer sagt in zwei stunden regnet es,dann ist es auch so.er braucht kein studium und subventionen für eine wettervorhersage.ein gesunder menschenverstand wäre genügend um den planeten zu retten. den aber hat der perverse übergeist der arbeitsfaulen verhindert.weiter so mit den linken hirngespinnsten und ihren unverständlichen ausreden. dora koster
Geschrieben am 18. März 2008 um 17:47Uhr | Permalink
BösFux schrieb:
@rb und Menasses Definition. Robert Menasse schätze ich als Schriftsteller sehr. Sollte er den I. indes wirklich als jemanden definiert haben, “der im Gegensatz zu allen anderen Berufsleuten von keinen partikularen Interessen getrieben ist”, dann erscheint mir das in dieser Form als gelinde gesagt naiv. Vielleicht rührt mein Eindruck aber auch daher, dass ich “partikuläre Interessen” möglicherweise anders verstehe als Menasse. So wie die Definition hier steht, reizt sie mich jedenfalls zur Entgegnung, jeder Mensch verfolge partikuläre Interessen, ob er nun wolle oder nicht. Vorderhand würde ich die Definition dahingehend modifizieren, dass Intellektuelle imstande sind, über die Denk- und Handlungshintergründe gesellschaftlicher Akteure und damit auch über ihre eigenen partikulären Interessen (selbst-)kritisch nachzudenken und dies auch öffentlich tun.
Geschrieben am 18. März 2008 um 18:45Uhr | Permalink
gruppe edvard kunzt schrieb:
In diesem Fall wird der ausgewahlte Augenblick des Handelns nie von dem Verdacht frei, dass er latente partikuläre Interessen verfolgt ???
Geschrieben am 18. März 2008 um 21:23Uhr | Permalink
rb schrieb:
@BösFux: Ich gehe davon aus, Menasse sprach von einem Ideal, dem sich anzunähern erstrebenswert ist. Wobei er sehr übereugt ist, diesem Ideal sehr nahe zu kommen. So hat er sich auch sehr darüber empört, als Imhof und Bärfuss davon sprachen, dass sie käuflich sind. Er behauptete von sich selbst, dass er dies keineswegs sei — was eine ähnliche Aussage ist, wie wenn jemand sagt, er lebe frei von Sünden.
Geschrieben am 18. März 2008 um 23:01Uhr | Permalink
Larissa schrieb:
Naja.
Was die Leute wollen, ist nie das, was sie brauchen. SVP-Bashing ist der kleinste gemeinsame Nenner, mit dem sich alle zufrieden geben können – geändert wird damit nichts. Stattdessen kann sich jeder (Nicht-SVPler) bestätigt fühlen weiter zu werkeln wie gehabt.
Enttäuschendes Ergebnis. Bin froh, der Veranstaltung fern geblieben zu sein (Hauptgrund war die Location).
Geschrieben am 19. März 2008 um 00:38Uhr | Permalink
Thinkabout schrieb:
Partikuläre Interessen? Es braucht auch Herz – selbst als Intellektueller. Und damit den Mut, scheinbar partikuläres zur Hauptsache werden lassen zu können. Denn das grosse Ganze können selbst die wenigsten Intellektuellen erfassen.
Diese Anti-SVP-Intellektuellenempörungen zeigen vor allem eines:
Sie gehen am Volk so was von total vorbei. Das widerspiegelt sich auch in den Medien: Niemand hat wirklich eine Antwort auf diese Volkspartei und ihre Schnitte in Holz. Mit dem Schreibstift lässt sich gegen den Stechbeitel schlecht ankommen
Geschrieben am 19. März 2008 um 05:15Uhr | Permalink
gruppe edvard kunzt schrieb:
Wir sind das Volk!
Helft uns, indem ihr euch selbst helft!
Folgt uns! Auf euch hoffen die Millionen!
Geschrieben am 19. März 2008 um 08:35Uhr | Permalink
suub schrieb:
eine blume, die durch den beton bricht, sagt mehr als tausend bücher einer bibliothek… intelektuell ist, was wahr ist
Geschrieben am 19. März 2008 um 11:03Uhr | Permalink
suub schrieb:
jajaja intelllektuelll
Geschrieben am 19. März 2008 um 11:05Uhr | Permalink
philipp meier schrieb:
nichts ist wahr / es gibt keine wahrheit
DAS ist die einsicht ist eines intellektuellen.
umso schwieriger ist es, stellung zu beziehen…; und noch schwieriger, dies mit einfachen argumenten zu tun.
Geschrieben am 19. März 2008 um 11:34Uhr | Permalink
rb schrieb:
Hinweis: Der Kulturblog-Artikel wird auch auf facts 2.0 ausgiebig diskutiert: http://facts.ch/articles/637700-sehnsucht-nach-intellektuellen
Geschrieben am 19. März 2008 um 12:02Uhr | Permalink
philipp meier schrieb:
ich verstehe immer noch nicht, warum so viele menschen (scheinbar auch rb) gratis für ein börsenkotiertes (kein schimpfwort!) medienunternehmen inhalte produzieren…
Geschrieben am 19. März 2008 um 12:06Uhr | Permalink
rb schrieb:
Solange die nur kurze Ausschnitte aus den Artikeln bringen und so auch zusätzliche Leser hierher lotsen, ist das für mich kein Problem.
Schon eher stellt sich für mich die Frage: warum kommentieren die Leute dort und nicht gleich hier?
Geschrieben am 19. März 2008 um 12:12Uhr | Permalink
philipp meier schrieb:
weil facts 2.0 den verkehr auf ihre seite «saugt». rebell.tv hat sich nicht umsonst dort ausgeklinkt (nicht, dass er viel verkehr verloren würde, sondern weil die dort seine inhalte zu den ihrigen machen und wenn möglich damit dann auch noch kohle verdienen…;)
ich war übrigens ziemlich schockiert, als ich vorhin sah, dass sogar unkultur lieber dort mitdiskutiert als hier. sie scheint immer noch auf einen job in einem richtigen medeinunternehmen zu schielen (oder auf redaktionelle beiträge aus ihrer neuen wirkungsstätte…;)))
Geschrieben am 19. März 2008 um 12:19Uhr | Permalink
Thinkabout schrieb:
Als regelmässiger Besucher und angemeldeter Nutzer von Facts 2.0 möchte ich hier einmal folgendes zu bedenken geben und damit vielleicht eine neue Diskussion eröffnen – vielleicht, liebe rb, sollte man hierzu mal separat schreiben:
Es ist richtig, Facts 2.0 absorbiert einen Teil der Energie an Kommentaren, aber es liegt ein Stück weit an der Achtsamkeit der user, ob sie dann nicht auch hierher finden und auch hier – ihre Meinung kundtun. Ich halte das oft so, dass ich an beiden Orten aktiv werde.
Dazu kommen aber folgende sehr wichtigen Vorteile von Facts 2.0:
a) es ist das einzige Portal, das Blogs und online-Angebote etablierter Medien gleichberechtigt behandelt, und zwar nicht nur per News-Aggregator, sondern durch aktive Redaktion. Damit werden Blogs nicht ab- sondern aufgewertet.
b) Auch wenn in Blogs content “abgesaugt” wird – wer in Facts 2.0 auf ein en Blog-Artikel stößt, liest an Ort und Stelle zu Ende. Ich tue das IMMER.
c) Die Kommentare bei Facts 2.0 haben ein bestimmtes Niveau. Das ist hier auch der Fall, aber nicht partout bei allen Blogs gegeben. Es kann daher sehr wohl einmal interessant sein, zu switchen – und der Blogger hat alle Möglichkeiten, mit Links und Hinweisen auf aktuelle Diskussionen aufmerksam zu machen, wie hier auch, völlig zu Recht geschehen.
d) Tamedia ist ein wirtschaftliches Unternehmen. Gott sei Dank. Ich habe nämlich die Nase voll von genau solchen Medienhäusern, die bei Blogs nur die Nase rümpfen. Das Projekt muss übrigens mit sehr wenig Geld auskommen und die Redaktoren haben mehrere Monate lang aus Überzeugung für die Sache gratis gearbeitet. So viel zur vermeintlichen Seelenlosigkeit solcher Projekte.
Wir Blogger sollten endlich von gewissen Rössern herunter steigen und dazu stehen, dass wir gelesen werden wollen. Unter Bloggern selbst verhalten wir uns schon lange so (sprich die Blogroll-Hascherei z.B.).
Rebell-tv hat mit seinem Aufschrei nicht zuletzt Image-Werbung gemacht – das braucht allerdings als bereits etabliertes Kult-Blog bedeutend weniger Chuzpe als vielfach suggeriert.
Insgesamt ist der Nutzen für die Blog-Szene – meiner bescheidenen Meinung nach – sehr viel grösser als die Nachteile.
Geschrieben am 19. März 2008 um 12:42Uhr | Permalink
Thinkabout schrieb:
Nachtrag:
Ich meinerseits bin durch rb´s Auftritt bei Facts 2.0 als aktives und geistreiches Mitglied auf dieses Blog gestoßen und seither auch ohne die Anbindung von Facts immer wieder mal hierher gekommen.
Dies noch als Zusatzbeispiel für die ach so schlimme Inhalt-Räuberei.
Nochmal: Blogs sollten sich vielmehr freuen, dass sie genau so wie Inhalte von Spiegelonline, FAZ etc. aggregiert werden.
Geschrieben am 19. März 2008 um 12:45Uhr | Permalink
gruppe edvard kunzt schrieb:
Und dräut die Katze noch so sehr,
sie kann uns nicht verschlingen,
solange wir nur unverzagt
von allem, was noch ungesagt,
von Lust und Frust
von Frist und List
und dem, was sonst noch sagbar ist,
nicht schweigen, sondern singen:
Das Singen wird es bringen!
Geschrieben am 19. März 2008 um 19:07Uhr | Permalink
fastkultur schrieb:
@rb 3.und 10.Kommentar; @BösFux: Ich habe Menasse so verstanden, dass er meint, ALS Intellektueller vertritt er keine Partikularinteressen, ALS Schriftsteller vertritt er jedoch (wie jeder Gelderwerbende welcher Berufsgruppe auch immer) natürlich auch Partikularinteressen. Das mag manchem sophisticated erscheinen, ist aber ein wesentlicher Unterschied.
@Thinkabout 12.Kommentar: zum “Am Volk so was von total vorbei”-Argument ein Zitat von Henry Ford (ja der mit den ersten Autos, die sich das Volk leisten konnte): “Hätte ich die Leute gefragt, was sie brauchen bzw. haben wollen, hätten sie mir geantwortet: schnellere Pferde!”
Geschrieben am 19. März 2008 um 20:21Uhr | Permalink
Thinkabout schrieb:
@fastkultur: Das Bonmot ist gut. Aber es funktioniert umgekehrt: Den Ford war der Verkäufer. Und konnte damit überzeugen. Hier ist die SVP der Verkäufer, die Intellektuellen ganz sicher nicht. Und darum galoppieren immer mehr Schweizer auf immer schnelleren Pferden glücklich in die Rückständigkeit.
Geschrieben am 19. März 2008 um 22:44Uhr | Permalink
berger schrieb:
Meiner Ansicht nach geht es nicht darum, der SVP etwas entgegenzusetzen, sondern ganz allgemein das Niveau der politischen Diskussion wieder aus dem Keller zu holen. Dass das Niveau tief ist, haben wir zwar massgeblich der SVP zu verdanken, doch scheint mir das Problem darin zu bestehen, dass sich alle anderen Parteien auf dieses herablassen. So gesehen hätten die Intellektuellen, so es sie denn noch gibt, die real existierenden Diskussionen in diesem Land zu hinterfragen, also sich nicht im Spektrum links-rechts zu positionieren, sondern eher im Spektrum banal-komplex. Im Übrigen sind die Differenzen Kultur/Intellekt/Politik nicht sehr gross: Alle hätten die Aufgabe, die Gesellschaft zu gestalten und möglichst weiter zu bringen.
Geschrieben am 22. März 2008 um 23:19Uhr | Permalink
dora koster platonia schrieb:
Der selbstverwirklichung Bonus von spendegeldern abgezweigt ,wird meist bei den sogenannten hilfsbereiten linken genutzt und widersprüchlich ausgelegt. schlechter geist würde ich sagen, da ist mir der kartoffelgeist der bauern willkommener. der hatnämlich jahrhunderte überlebt, das kann der weihrauchgeist aus dem Vatikan nicht,und selbst die linken unischwätzer können nicht mithalten. dorakoster platonia mars
Geschrieben am 30. Juli 2008 um 20:37Uhr | Permalink