Politik
19. März 2008
Kulturförderung: Bei Ablehnung rekurrieren
Werden Gesuche an Kulturförderstellen abgewiesen, so ist dies ähnlich schmerzhaft, wie wiederholte Absagen bei Jobbewerbungen. Einige Gesuchsteller lassen sich Absagen nicht gefallen und legen Rekurs ein. Jüngst hat jemand wegen eines Betrags von 10′080 Franken rekurriert, das Bundesverwaltungsgericht musste entscheiden — und gab dem Gesuchsteller recht. Somit wurde die Pro Helvetia zum zweiten Mal innert kurzer Zeit vom Gericht zurechtgewiesen.
Solche Urteile sind fatal. Müssen die Kulturfördergremien dauernd mit Rekursen rechnen, so wird der Aufwand, alles bis ins letzte Detail zu begründen, enorm. Der Anteil des Kulturgeldes, das für den Verwaltungsaufwand abgeht (bei der Pro Helvetia ca 30 Prozent), dürfte damit ansteigen. Kein Kulturschaffender kann daran ein Interesse haben.
sven schrieb:
mmh, heikel, auf was du dich da hinauswagst. offenbar hat die pro helvetia zweimal einen fehler gemacht, und das ist ja auch nicht im interesse der kulturschaffenden, wenn man nichts mehr gegen missachtung der eigenen verordnungen, willkür, filz oder ungenügende begründungen machen könnte. und was diese rekurse wen genau und wieviel kosten ist auch nicht ganz nachvollziehbar. klar ist aber, dass zu hohe verwaltungskosten grundsätzlich nicht im interesse der kulturschaffenden sind, ich denke aber, dass diese nicht wegen ein paar rekursen so hoch sind. das problem liegt vielleicht anderswo.
Geschrieben am 19. März 2008 um 16:11Uhr | Permalink
karibu schrieb:
ja die liebe förderungen! der frust ist verständlich, es geht ums überleben nicht nur finanziell. auch beim bundesstip läuft haarsträubendes:
schaut mal was beim eidgenössischen stipendium (bildende kunst) passiert. 80% welsche, tessiner und berner erhalten die preise. letzes jahr hat am rande ein artikel im tagi darauf aufmerksam gemacht. die jury müsste öfters wechseln und es dürften keine lokallobisten vertreten sein, schon gar keine personen/vertreter irgendwelcher hochschulen (herr reust von der kunstklasse bern wird jetzt weiere 8 jahre von seinem vetorecht gebrauch machen und seine lieblinge stützen). jurymitglieder besuchen die ateliers kurz vor dem auswahl verfahren ….
ja also liebe zürcher künstlerinnen falls ihr noch ein paar jährchen zeit habt bis ihr 40 seid, wartet lieber ab mit der eingaben. liebe journalisten bleibt bitte kritisch!!!! getraut euch! liebe politiker setzt euch für faire dh neutrale gremien ein (löblich zu erwähnen ist da die stadt zürich – leider sieht es dann beim kanton zürich wieder ziemlich nach filz aus!!!).
liebe jurymitglieder bleibt fair und vor allem transparent, dh falls ihr künstler kennt müsst ihr das deklarieren, euch zurücknehmen oder besser in den ausstand treten. zum glück haben so wenige abgewiesene künstler das nötige kleingeld von 500.- franken für einen rekurs!!!!!
Geschrieben am 19. März 2008 um 22:06Uhr | Permalink
rb schrieb:
“Transparenz” ist im Hinblick auf Kulturförderung tatsächlich das wichtigste Stichwort.
Und: Hinweise auf Filz kann man jederzeit an den Kulturblog richten: info[ät]kulturblog.ch
Geschrieben am 19. März 2008 um 23:27Uhr | Permalink
Pius Knüsel schrieb:
Die Skepsis den Kulturförderern gegenüber ist ja gesund. Doch der Vorwurf der Verfilzung ist gar billig. In diesem kleinen Land kennen sich alle, es gibt gar niemanden, der nicht über irgendeine Faser zum selben Filz gehört, über den er sich beklagt. Das zum Ersten. Zum Zweiten: Ich kenne viele solcher Beurteilungskommissionen, und die allermeisten machen seriöse und möglichst unabhängige Arbeit. Doch Urteile im Kulturbereich haben immer hohe subjektive Anteile, das geht gar nicht anders, man kann nicht wie in der Landwirtschaft Hektaren und Neigewinkel messen und dann die Subvention berechnen. Deshalb ist auch die Forderung nach mehr Transparenz utopisch. Bei Pro Helvetia z.B. sind die Regeln bekannt, die Stiftungsräte sind bekannt, die positiven Urteile sind bekannt (jedes unterstützte Projekt kommt auf die Website). Daraus ist wohl eine Linie erkennbar. Was will man mehr? Dass auf 3000 Entscheide jährlich hin und wieder ein Fehler passiert, ist unvermeidlich. Umgekehrt ist Auswahl das Wesen von Kulturförderung. Jedem, der sich als Künstler bezeichnet, Subventionen nachzuwerfen, kann auch nicht Sinn der Sache sein.
Geschrieben am 20. März 2008 um 09:21Uhr | Permalink
rb schrieb:
Sehr geehrter Herr Knüsel,
mit Transparenz ist v.a. gemeint, dass immer bekannt ist, wer in den Entscheidungsgremien sitzt. Zumeist ist dies bereits der Fall. Um Vorwürfen wie von karibu entgegenzutreten, könnte bei gewissen positiven Urteilen ein Hinweis gesetzt werden, wie: \”xy ist in den Ausstand getreten, weil er zu sehr mit dem Antragssteller liiert ist\”.
Der Aspekt der Subjektivität stimmt natürlich, deshalb auch meine Vorbehalte gegen Rekurse in dem Bereich.
Geschrieben am 20. März 2008 um 09:35Uhr | Permalink
samuel schwarz schrieb:
es lebe der filz!
http://www.youtube.com/watch?v=S9CyyDK4zGs
Geschrieben am 20. März 2008 um 13:57Uhr | Permalink
unkultur schrieb:
Kulturschaffende, legt Euch gefälligts eine dickere Haut zu! Die Urteile von Gremien wie dasjenige von Pro Helvetia werden immer subjektiv sein, und jeder, der abglehnt wird, wird irgendwo eine Ungerechtigkeit finden! Wie rb richtig schreibt: Durch Rekurse wird das ganze System noch schwerfälliger; noch mehr Geld fliesst ins Bürokratische und weniger an die Gesuchsteller selbst. Ihr blockiert Euch durch dieses Herumreiten auf dem abgewiesenen Gesuch. – Macht Euer Selbstwertgefühl nicht von dieser Ablehung abhängig; die Ablehnung hat nichts mit der Qualität Eurer Arbeit zu tun. Investiert dafür am Anfang etwas mehr Zeit darein, die Profile von möglichen Geldgebern zu studieren und genau diejenign gezielt anzugehen, bei denen Ihr die grössten Chancen habt.
Geschrieben am 21. März 2008 um 12:10Uhr | Permalink
Chris schrieb:
Klar ist es immer schade wenn Gelder für die Verwaltung und nicht für die Kulturschaffenden direkt verwendet wird. Und ebenso klar ist, dass ein Entscheid über einen Förderbeitrag immer subjektiv sein wird.
Es geht aber nicht an, dass eine staatliche Kulturförderung wie sie die Pro Helvetia betreibt rechtsstaatliche Prinzipien wie die Gewährung des rechtlichen Gehörs nicht beachtet und insbesondere Gesuche mit lapidaren Scheinbegründungen ablehnt und sich dabei notabene nicht einmal an die selbst aufgestellten Kriterien zur Beurteilung der Unterstützungswürdigkeit eines Projekts hält.
Es braucht eine Begründung für einen Entscheid, auch wenn dieser selbstverständlich subjektiv ist. Aber immerhin kann der Gesuchsteller nachvollziehen wieso sein Projekt in der Meinung des Stiftungsrates denn nun nicht innovativ und bloss konventionell sei.
Das Bundesverwaltungsgericht verlangt wohl ein bisschen zu viel wenn sie vom Stiftungsrat eine abstrake Definition verlangt für gewisse Begriffe wie “internationale Bedeutung” und “innovativ”. Das ist in dieser Allgemeinheit gar nicht möglich. Dennoch sollte einzelfallbezogen konkret ausgesagt werden wieso ein Gesuchsprojekt nicht innovativ sei. Alles andere ist Willkür und fördert den Gerüchten um Filz und Mauschelvergabepolitik nur Vorschub.
Der Stiftungsrat hat sich doch nicht zu verstecken, soll er doch gerade in der Begründung einer Ablehung zeigen wie er subjektiv zum Gesuch steht. Dann wissen die Kulturschaffenden auch woran sie sind und können abschätzen ob ihr Projekt eine Chance hätte aufgrund der bisher gefällten Entscheide. Dies spart wiederum unnötige Gesuche, die wegen ihrer Ausrichtung vom Stiftungsrat abgelehnt würden. Also lieber Stiftungsrat: Steht zu eurer Subjektivität, belegt diese aber auch mit subjektiven Erwägungen.
Geschrieben am 26. März 2008 um 21:19Uhr | Permalink
filzfaser schrieb:
“Doch der Vorwurf der Verfilzung ist gar billig. In diesem kleinen Land kennen sich alle, es gibt gar niemanden, der nicht über irgendeine Faser zum selben Filz gehört, über den er sich beklagt.” sehr schöner satz von herrn knüsel – sollte dann aber eigentlich ergänzt werden, dass man alles tut um Vetternwirtschaft zu vermeiden. ist alles grotesk, auch bei den eidgenossen: so erhält dieses jahr den meret oppenheim preis anselm stadler – und dieser leitet den studiengang bildende kunst an der hkb zusammen mit hans rudolf reust. der herr ist der präsident der jurie. vielleicht ja ein zufall – aber leider ein zu blöder!
ja und so sieht man überall wunderbare zufälle. keiner getraut kritisch zu hinterfragen, nicht einmal die journalisten (vielleicht weil ja alle zum filz gehören und in grosser abhängigkeit stehen). in der stadt zürich ist die kunstklasse nun mit stipendien am zuge (zum teil studierende, die noch nie oder erst abschliessen) …… leider ist es nicht besser bei den eidgenossen, dort ist die westschweiz dabei und beim kanto zh- vielleicht die f&f oder die freunde des präsidenten ….?
Geschrieben am 12. Mai 2008 um 11:52Uhr | Permalink
David Dimitri schrieb:
Ich hatte bei der Pro Helvetia mal eine Gesuch eingereicht. Es wurde abgewiesen. Es ging um meinen “One Man Circus” im Bereich “Nuveau Cirque”, zirzensisches “Bewegungstheter”. Die Begründung für die Absage war: Keine Unterstützung für Clowns, Pantomime und keine Unterstützung für Zirkus! Da wurde bestimmt das Dosier vertauscht, denn es war mir schleierhaft wie die Abteilung Theater auf Clown oder Pantomime kam. Eine Antwort von Herrn Knüsel auf meine Nachfrage blieb leider aus. Es lebe der Dialog! Zum Glück wurde vom Bund kürzlich “Zirkus” offiziell als Kunstform anerkannt und bei der Kultur angesiedelt, denn es entstehen immer mehr originelle Projekte im Bereich Zirkus. Und somit ist es hoffentlich bald nicht mehr einen Nachteil wenn im Gesuch an die Pro Helvetia mal das Wort Zirkus fällt.
Geschrieben am 23. November 2008 um 15:22Uhr | Permalink
Jekami schrieb:
Sollen Design, Zirkus und demnächst auch noch Go-Kart-Rennen zur Kunstform erklärt werden? Dürfen der Genforscher und der Softwareentwickler sich demnächst auch bei der Kulturförderung bedienen, weil sie gewissermassen kreativ sind? Pro Helvetia ist gut beraten, den Kunstbegriff nicht inflationär auszudehnen, auch wenn es selbstverständlich Grenzbereiche gibt (und wo es Grenzbereiche gibt, müssen eben Grenzen vorhanden sein).
Ansonsten gebe ich Herr Bandle recht, dass die Begründungen irgendwo ein Ende haben sollen. Das ist glaub ich bei anderen Berufen, wo man sich für etwas bewirbt, auch nicht anders.
Geschrieben am 23. November 2008 um 19:07Uhr | Permalink
KulturClub schrieb:
Wirklich eine fatale Entwicklung.
Denn so arbeitet man den Menschen in die Hände, die am Liebsten eh nur den Traditionshäusern unter die Arme greifen wollen – und sonst Keinem.
Da braucht man dann nämlich keine Prüfungen mehr, sondern vergibt einfach jedes Jahr die selben Fördermittel.
Geschrieben am 29. November 2008 um 19:12Uhr | Permalink