Literatur
22. März 2008
Annemarie Schwarzenbach: Entdeckung zum Jubiläum

Möchte ein Autor auch nach seinem Tod im Gespräch bleiben, so müsste man ihm raten, unveröffentlichte Manuskripte zu verstecken. Sodass nach dem Tod immer wieder ein Forscher eine Entdeckung vermelden kann, die dann zu einem runden Todes- oder Geburtsjahr veröffentlicht wird.
Eine solche Entdeckung ist Annemarie Schwarzenbachs “Eine Frau zu sehen“, kürzlich im Nachlass aufgefunden von Alexis Schwarzenbach, dem Grossneffen der Autorin. Zu ihrem 100. Geburtstag wurde der Text nun bei Kein und Aber veröffentlicht.
Es handelt sich um eine kurze, leidenschaftliche Coming-Out-Geschichte, die Schwarzenbach im Alter von 21 Jahren geschrieben hat.
“(..) ich erstaune vor der schönen und leuchtenden Kraft ihres Blickes, und nun begegnen wir uns, eine Sekunde lang, und ich fühle unwiderstehlich den Drang, mich ihr zu nähern, herber, schmerzlicher noch, dem ungeheuren Unbekannten zu folgen, das sich wie Sehnsucht und Aufforderung in mir regt –”
Wie die junge Ich-Erzählerin vor der Begegnung mit ihrer Angebeteten zittert, wie man bis zum letzten Satz nicht weiss, ob die Liebe Erfüllung findet oder nicht, macht das Büchlein zu einer Entdeckung, die sich gelohnt hat, entdeckt zu werden.
Da kann man nur hoffen, dass beim nächsten Schwarzenbach-Jubiläum der nächste Text von ihr auftaucht…