Politik


Kulturschaffende fordern eigene Bevormundung

Der Schweizerische Gewerkschaftsbund SGB fordert eine “Verbesserung der sozialen Sicherheit der Kulturschaffenden” (pdf). Eine Forderung, die nicht ganz unberechtigt ist. Nur: wie soll man diese Sicherheit gewährleisten? Der Gewerkschaftsbund möchte, dass aus den Kulturschaffenden faktisch Staatsangestellte werden. Im Forderungskatalog sind lauter Punkte wie dieser aufgelistet:

Er [der Bund] zahlt von seinen direkten Förderungsbeiträgen an Kulturschaffende einen vom Bundesrat festzulegenden Prozentsatz an eine Vorsorgeeinrichtung. Er zieht den Beitragsempfängern ihren Beitragsanteil vom Beitrag ab und überweist diesen zusammen mit seinem Anteil an die Vorsorgeeinrichtung. 

Auch die Forderungen des Dachverbandes der Kulturschaffenden, Suisseculture, gehen in dieselbe Richtung. Die Kulturschaffenden wollen die eigene Bevormundung: Der Staat soll einen Teil der Subventionen zurückhalten, damit die Künstler nicht das ganze Geld verprassen.
Der SGB argumentiert mit einer “unfreiwilligen Selbständigkeit” der Kulturschaffenden. Als ob nicht viele Kulturschaffende gerade wegen der Selbständigkeit und Unabhängigkeit diesen Beruf gewählt hätten.

Zum Thema:
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Kommentare (7) zu “Kulturschaffende fordern eigene Bevormundung”

  1. LeuMund schrieb:

    Dass die sozialen Netze für Kulturschaffende in der Schweiz nicht sonderlich kulturfreundlich ausgestaltet sind, ist weit herum bekannt.
    Mit einem branchenüblichen Portfolio aus Minjob (am besten unter der pensionskassenpflichtigen Beiträgen), Atelieraufenthalten und Projekten lassen sich nur sehr bedingt Rückstellungen fürs Alter bilden…und das wäre ja nur die 1.Säule.

    In Deutschland und Frankreich sind solche flankierende Massnahmen für die wichtigsten Exponenten der Kulturwirtschaft inzwischen selbstverständlich.

    Wahrscheinlich auch, weil man der Kultur gesellschaftliche Funktion zubilligt und man mit solchen Massnahmen den Kunstschaffenden schützt, was dann wieder der Gesellschaft Zu Gute kommt.

    Was man in der Schweiz feststellen kann, ist, dass Kultur viel zu oft ein Steckenpferd von sozial abgesicherten Existenzen ist. Die Eintrittschwelle und Folgekosten eines Künstlerdaseins sind hoch und sollten m.E. nicht nur den Dieter Meyers vorbehalten sein, oder?

    Was der SGB mit seiner Forderung bezweckt, ist nun wirklich nur die Minimalforderung aller denkbaren Massnahmen aufs politische Parkett zu bringen. Dass solche (beinahe kostenneutralen) Überlegungen hierzulande dann sofort auf dem politischen Altar geopfert werden, ist nicht sonderlich inspirierend und schafft sicher keinen Humus für eine blühende Kreativwirtschaft.

    Lieber rb, deine Argumentation schwächelt: wer in der Kultur ist, weil er da selbstständig oder unabhängig sein kann, der könnte aus diesen Erwägungen doch genau so gut als Einmann-Show auf klassischeren Berufsfeldern werkeln und würde wohl am Zahltag etwas mehr in seinem Sparschwein haben, um sich die Taggeldversicherung als Selbstständiger zu leisten. Dafür braucht es dann halt schon etwas mehr Cash-In als beim typischen Schweizer Kulturschaffenden.

    Also nochmal: Vorsicht bei der Berufswahl.

  2. ensuite schrieb:

    guten tag herr leumund… freut doch, sie auch hier anzutreffen…

    zum thema: ich denke nicht, dass die kulturschaffenden diese bevormundung “fordern”. ich denke, da sind einige überlegungen nicht zu ende gedacht: subventionsgeld wird nicht nur für löhne bezahlt. das sind hauptsächlich produktionsgelder für löhne, material und mieten. für das kostüm möchte ich auf jeden fall keine pensionsgelderabzüge erhalten. sodann müssen wir budgets eingeben und jede quittung belegen. super. der administrative aufwand wird enorm – für beide seiten. und weniger produktionsgeld nur wegen der pensionskasse macht irgendwie auch wenig sinn. dann ist die kunst wirklich verkauft.

    auch nicht klar ist für mich, wie eine tanzkompanie mit 7 mitgliederInnen abgerechnet werden soll…

    ich denke, der ganze zirkus endet in einem system. und systeme werden als erstes von künstlern hinterfragt und auseinandergenommen. sicher ist, man kann so viel kulturförderung und subventionen sparen, denn schlussendlich ist es billiger, ohne staatliche hilfe, wieder in der selbständigkeit zu arbeiten. eines ist ja auch klar: es wird nicht mehr kulturgeld geben wegen einer pensionskasse, sonderm das vorhandene auf weniger künstlerInnen gut verteilt.

    hmm…

  3. Zappadong schrieb:

    Habe ich das richtig gelesen? Von den Fördergeldern würden Sozialabgaben eingezogen? Und was ist mit jenen Künstlern, die keine Fördergelder erhalten und trotzdem finanziell aus dem letzten Loch pfeifen? Ich hoffe stark, ich habe das falsch verstanden, sonst ist der “nicht geförderte Künstler” dann wirklich der Letzte, den die Hunde beissen.

  4. sven schrieb:

    hört doch auf, von bevormundung zu sprechen. was hat selbständigkeit und unabhängigkeit damit zu tun, auf eine angemessee altersvorsorge zu verzichten. vielmehr geht es darum, dass sich auch kunstschaffende darüber gedanken machen und dass es wenigstens minimale anpassungen braucht. die idee, einen teil der fördergelder für die altersvorsorge zu reservieren, ist ein zu prüfender weg. besser wäre noch, die subventionen in der jeweiligen höhe zu belassen und darüber hinaus noch einen beitrag in eine pensionskasse zu zahlen. in gewissen bereichen, ich denke an den film, fliesst ein grosser teil der subventionen in löhne (z.b. regisseur) und dort werden dann auch sozialversicherungs-beiträge bezahlt. wegen dem ist der staat noch lange kein “arbeitgeber”. kunstschaffende im alter ohne jegliche vorsorge und vermögen und sonstige unterstützung landen am schluss auch beim staat, also kann der staat doch, wo er die möglichkeit hat, dies schon früher etwas steuern. und im übrigen braucht es selbstverständlich eine verbesserung für alle kunstschaffenden, ob sie nun subventionen erhalten oder nicht.

  5. rb schrieb:

    Bisher gingen die Subventionen an den Produzenten, dieser bezahlte dann die Löhne inkl Sozialabgaben (hoffentlich). Nach dem vorgeschlagenen Modell soll der Staat die Sozialabgaben direkt den Subventionen abziehen, was etwa aufs selbe herauskommt, wie wenn die Künstler (z.B. Regisseur) nicht mehr vom Produzenten, sondern vom Staat angestellt sind. Ich kann mir nicht vorstellen, warum jemand daran interessiert sein könnte.
    Höchstens bei kleineren Gruppen oder Einzelkünstlern, die sich selber produzieren, könnte das Modell vielleicht sinnvoll sein, dann müssten sie sich nicht selber um die eigene Vorsorge kümmern.

  6. sven schrieb:

    @rb: völlig übertrieben. der regisseur wird doch nie vom staat angestell, so weit wir es nicht kommen. im übrigen ist es leider eher so, dass überhaupt keine verbesserung erwartet werden darf, bundesamt für kultur-chef jauslin hat auf alle fälle keine lust, im rahmen des kulturförderungsgesetzes eine entsprechende regelung einzubauen, er schiebt die verantwortung ins amt für sozialversicherungen. rein dogmatisch gehörte es zwar dorthin, nur sind da die chancen auf eine verbesserung noch viel kleiner.

  7. LeuMund schrieb:

    Ist es besser, dass viele Kulturschaffende am Ende des Tages dann doch immer wieder bei der Arbeitslosenkasse, respektive der Sozialkasse landen?

    @ ensuite & zappadong: richtig, es wäre ein falsches Zeichen, wenn nur subventionierte Künstler von sozialer Sicherheit profitieren. Deshalb ist diese Minimalforderung auch nur ne Minimalforderung (und eben doch ein Witz).

    Trotzdem: ich finde, dass es an der Zeit ist, dieses Thema hierzulande mal richtig zu lösen. Und zwar so unbürokratisch als möglich.

    Die Produzenten weiter zu stärken, damit sie schön brav die Sozialabgaben entrichten, kann übrigens nicht der Weisheit letzter Schluss sein, in einigen Sparten geht der Schuss da gewaltig hinten raus.