Literatur


Lukas Bärfuss und die sexuellen Eskapaden von Entwicklungshelfern

Dank Lukas Bärfuss wird zurzeit intensiv über den Sinn und Unsinn von Entwicklungshilfe gesprochen, zum Beispiel heute wieder auf einer ganzen Seite im Tages-Anzeiger. Die ganze Diskussion dreht sich darum, ob die Entwicklungshilfe und -helfer Mitschuld am Völkermord in Ruanda tragen, bzw. ob Entwicklungshilfe an sich kontraproduktiv ist.
Ein ganz anderes Problemfeld der Entwicklungshilfe wird im Buch zwar angedeutet, bisher hat es aber niemand aufgenommen: David Hohl, der Entwicklungshelfer im Roman, ist in Ruanda tagelang mit seinen sexuellen Eskapaden mit seiner einheimischen Geliebten beschäftigt, sodass man sich fragt, wann der überhaupt noch arbeitet. Über mehrere Seite breitet Bärfuss detailreich das Sexleben Hohls aus.
Eigentlich wäre das noch kein Problem. Nur, so wie Leute von der Hilfswerke-Front berichten, sei genau dies mit ein Motiv vieler Entwicklungshelfer für ihren Einsatz in der Fremde: ihre sexuellen Fantasien ausleben zu können. Fast überall gebe es Entwicklungshelfer, die ihre Macht und die Armut der Bevölkerung ausnützten und zum Teil mehrere Frauen in ihren Häusern hielten. Dass die ausländischen Helfer in den entsprechenden Ländern einen so schlechten Ruf haben, liege nicht zuletzt an diesem Verhalten. Die Ausschweifungen der Mitarbeiter erachten auch die Organisationen intern als grosses Problem — an die Öffentlichkeit darf das aber nicht.
Die Romanfigur David Hohl nützt seine Machtposition nicht aus, seine Geliebte ist äusserst stark, er hat sich eher ihr zu fügen als umgekehrt. Dennoch: die (sexuelle) Beziehung nimmt einen wichtigen Stellenwert ein, was durchaus Grund wäre, diesen Aspekt der Entwicklungshilfe einmal zur Debatte zu stellen.

Zum Thema:
Lukas Bärfuss: Auch als Romancier aufs richtige Thema gesetzt

Kommentar (1) zu “Lukas Bärfuss und die sexuellen Eskapaden von Entwicklungshelfern”

  1. BM schrieb:

    Das kann durchaus ein Motiv sein. Ich erinnere mich
    dabei an “Kupferstunde” von Dres Balmer, ca. 1985
    erschienen, in dem der Autor über seine Zeit als
    Entwicklungshelfer in Guatemala schreibt.
    Er beschreibt eher unsentimental seine eigenen
    sexuellen Erfahrungen, das damit verbundene Machtgefälle und seine Gedanken dazu.