Bühne, Kunst/Museen
15. April 2008
Sex-Casting: Theater am Neumarkt bietet Asyl
Morgen hätte das Männercasting der Sexualtherapeutin Maggie Tapert im Cabaret Voltaire stattfinden sollen. Der städtische Kulturchef Jean-Pierre Hoby hat die Durchführung jedoch verboten (pdf), nachdem 20Minuten darüber berichtet hatte. Die Co-Direktoren Philipp Meier und Adrian Notz wehrten sich zurecht gegen die Einmischung in ihr Programm, bisher war nicht klar, ob sie es sich dem Verbot widersetzen werden.
Jetzt erhalten die beiden Unterstützung: Wolfgang Reiter, Direktor des Theater am Neumarkt, bietet Asyl an; die Veranstaltung findet dort wie geplant um 19.30 Uhr statt. Die Verlegung wird offiziell mit “dem zu erwarteten grossen Besucherandrang” begründet. Gegenüber kulturblog.ch erklärt Reiter:
“Es ist unmöglich, dass ein Boulevardblatt und ein Kulturbeamter entscheiden, was in einer Kulturinstitution stattfindet. Um das Verhältnis mit der Obrigkeit geht es auch bei unserem nächsten Stück ‘Prometheus‘, wir können nicht auf der Bühne etwas zeigen und daneben dann kuschen.”
Bei der Hilfeleistung dürfte noch ein anderer Aspekt mitspielen: Auch Wolfgang Reiter hatte unter der Zürcher Kulturbürokratie zu leiden, ihm wurde der Vertrag nicht verlängert, seine Amtszeit läuft Ende Saison aus. Reiter hat nichts mehr zu verlieren, da ist es nur konsequent, wenn er in einem solchen Fall dem Cabaret Voltaire zu Hilfe kommt.
Nachtrag: Offizielle Mitteilung Theater am Neumarkt
Zum Thema:
Cabaret Voltaire: Schiesst Hoby Meier ab?
Roberto 77 schrieb:
Ich finde die Sache Sex-Casting für Männer sehr attraktiv. Aber dennoch: Es war allzu unvorsichtig von Meier, dies auf der Kulturbühne Dada im Cabater Voltaire vollziehen lassen zu wollen, wenn demnächst eine Subventionsvorlage vors Volk kam, und Hoby hatte völlig recht, hier – im Interesse des Fortbestandes des Dada-Hauses – die Notbremse zu ziehen. – R
Geschrieben am 16. April 2008 um 15:13Uhr | Permalink
_* schrieb:
@Roberto 77: Herr Hoby handelt hier viel zu blauäugig. Wegen ihm, und nur wegen ihm, berichteten die Zeitungen am Montag und heute nochmals darüber (und so wie es ausschaut, wohl auch morgen und übermorgen nochmals). Das ist Wasser auf die Mühle der SVP. Tuena & Co. hätte man nach ihrem Aufschrei «Sex-Skandal im Cabaret Voltaire» locker als «Spiesser» ins Offside laufen lassen können. Jetzt ist es zu spät…
Geschrieben am 16. April 2008 um 15:35Uhr | Permalink
Wolfgang Reiter schrieb:
Ein Gespenst geht um in Zürich: die Autonomie der Kulturinstitute. Boulevardmedien und SVP ziehen mit ihren Geschützen auf und die Kulturbürokratie zieht die Köpfe ein, droht – unterstützt von Trägervereinen und Verwaltungsräten – mit „Konsequenzen“ und „Massnahmen“ – nein, nicht gegen die populistischen Kampagnen, sondern gegen die Direktionen der Kulturinstitute. La culture c\’est mois, tönt es aus dem Zürcher Präsidialdepartement, was gefordert, erlaubt oder verboten ist, bestimme ich. Auch bei sog. „Fremdveranstaltungen“: Während sich Schauspielhaus-Direktor Matthias Hartmann von Jean-Pierre Hoby vorwerfen lassen muss, dass er im Schiffbau dieser zu wenige macht, werden sie der Direktion des Cabaret Voltaire verboten.
Die Komödie, meinte einst Friedrich Dürrenmatt, sei heute die einzig mögliche Form, das Tragische auszusagen. 40 Jahre später ist es nicht mehr die Komödie, sondern bloss noch die von Boulevardmedien inspirierte und von Kulturbeamten und Verwaltungsräten inszenierte Farce.
Dass ich als Direktor eines Theaters von Veranstaltern, Publikum und den gestern zahlreich anwesenden Medienvertretern für meinen \”Mut\” bedankt werde, dem \”Männer-Casting\” Asyl zu gewähren, ist Bestandteil dieser Farce: Was sind das für Zeiten, wo es schon mutig ist, einen harmlosen Unterhaltungsabend, gegen den Heidi Klums \”Model-Casting\” als purer Hardcore erscheinen muss, die Bühne zu öffnen?
Geschrieben am 17. April 2008 um 11:13Uhr | Permalink
philipp meier schrieb:
ich werde mich hüten, allzuviele worte zu diesem nicht-skandal zu verlieren, denn es gingen schon viel zu viele verloren (ohnen den obenstehenden kommentar von wolfgang reiter mitgemeint zu haben;)
nur noch kurz als erläuterung zum stichwort «fremdveranstaltungen»: wir betreiben den kunsthistorisch aufgeladenen raum (original cabaret voltaire saal) wie seinerzeit die dadaisten ihre bühne: alle können kommen und ihre performances/veranstaltungen/etc. präsentieren, sofern minimalste ethische grundsätze eingehalten werden (im kommerziellen bereich fände ich z.b. autofirmen und zigarettenhersteller oke, waffenhändler jedoch eher nicht). veranstalter/innen von öffentlichen veranstaltungen zahlen zwar keine miete (für raum & technik), müssen jedoch die nebenkosten ihrer veranstaltung (reinigung, strom, administration) decken.
Geschrieben am 17. April 2008 um 14:51Uhr | Permalink