Politik
24. April 2008
Kulturförderung: Wie die Quantität gefördert wird
Pro Helvetia Direktor Pius Knüsel kritisiert heute im Tages-Anzeiger, dass beim Schweizer System der Kulturförderung das Geld zu breit verteilt werde. Jeder bekomme ein Bisschen anstatt dass sich die Förderung auf die Besten konzentriert:
“Die Logik der Kleinbeiträge will es, dass die Produktion unterfinanziert bleibt; in der Regel fehlt ein Drittel. Aus der Vision wird auch hier ein pragmatischer Kompromiss des noch Machbaren. Und zuletzt ist keiner da, der die Spreu vom Weizen trennt, weil auch im Voraus schon keiner deutlich Stellung nehmen durfte.”
Stimmt. Aber das Problem liegt nicht nur darin, dass die Gelder zu breit gestreut werden, sondern auch, dass es in der Schweiz fast nur Geld gibt, wenn man ein neues Projekt präsentiert. Das heisst: wer Geld will, muss neu produzieren — je mehr Produktionen, desto mehr Geld.
Das System fördert die Quantität statt die Qualität, auch innerhalb der Gruppen. Sich länger Zeit zu nehmen für eine Produktion, mit dem Ziel, das Stück dann über einen grösseren Zeitraum, auch an internationalen Festivals zu spielen, lohnt sich nicht. In der freien Szene ist es die Regel, dass jedes Stück nur wenige Male aufgeführt wird, dann kommt schon das nächste.
International erfolgreiche Gruppen arbeiten anders: die Stücke werden meist aufwändig produziert und dann über Jahre hinweg gezeigt. Geld gibt’s nicht in erster Linie fürs Produzieren, sondern für Einladungen an Festivals oder an Häuser.
Zu den wenigen Schweizer Gruppen, die nicht dem Schweizer Förderanreiz erlegen waren, gehörte Metzger/Zimmermann/dePerrot. Das höchst erfolgreiche Trio brachte in sieben Jahren Zusammenarbeit bloss drei Produktionen auf die Bühne, konnte diese aber dann weltweit zeigen. Nach Schweizer Massstab hätten die Gruppe ein oder zwei Produktionen pro Jahr auf die Bühne bringen müssen und wären wohl – wie die meisten Schweizer Gruppen – international unbeachtet geblieben.
philipp meier schrieb:
ich finde (natürlich:) der eigentliche kern des artikels viel spannender. man könnte ihn mit einem zitat des stadtzürcher lokalpolitikers peider filli (AL) zusammenfassen: «kulturgeld ist schweigegeld» (mit kulturgeld meinte er v.a. subventionen)
Geschrieben am 24. April 2008 um 14:36Uhr | Permalink
rb schrieb:
Eigentlich gehe ich immer noch davon aus, dass der Normalfall sein sollte, dass ein Fördergremium bzw. die Politik keine Zensurbehörde ist. Nach dem Tagi-Bericht heute (hier) scheint das nicht mehr selbstverständlich…
Pius Knüsels Aussage interpretiere ich zugespitzt so: Fördergremien sind feige, sie weichen der Selektion aus; allen ein Bisschen zu geben ist einfach, niemand reklamiert und man hat seine Ruhe — auch wenn das Resultat nicht besonders gut ist.
Geschrieben am 24. April 2008 um 15:20Uhr | Permalink
sven schrieb:
ob tatsächlich ruhe herrscht, wenn “alle” ein bisschen bekommen, sei dahingestellt. es wird immer wieder solche geben, die nichts bekommen, und die halten auch nicht den schnabel. weder giesskanne noch spitzenförderung machen allein sinn. wer weiss schon, was spitze ist? bideau meint es, nur irrt er sich ständig. wenn schon sollte man breit streuen, und dann das, was gross herauswächst, noch intensiver fördern. das problem ist, dass dafür nicht genügend geld vorhanden ist. oft ist auch nicht klar, was die fördergremien eigentlich wollen. dazu kommt, dass subventionen verteilen oft als hobby betrieben wird. und je nach besetzung dieser kommissionen: für gewisse kulturschaffende heisst das, dass sie ihre gesuche eigentlich gleich selber kübeln können. subventionen erhalten wirkt wie methadon, man wird ruhiger gestellt, aber richtig high davon wird man nicht.
Geschrieben am 24. April 2008 um 16:51Uhr | Permalink
HLM schrieb:
Ich Kulturtäter gestehe: Ich habe auf Nachbars Subvention geschielt. Ich habe nächtens seine Giesskanne ausgeborgt, wenn es ging.
Ich habe mein kleines Kulturprojekt oftmals so lange hin und her kuratiert, so dass möglichst viele Töpfe drauf passen. Ich hab auch Kleinstsubventionenen stets dankbar angenommen, denn auch Kleinvieh macht Mist.
Ich hab, falls Projekt 1 versagt, noch den 2ten Schuss im Köcher behalten, man weiss ja nie.
Ich habe meine lieben Freunde in den Fördergremien beim Feierabendbier stets nett zugelächelt und meinen Anspruch in verschwurbelte Sätze gegossen, die dann doch nichts sagen. Ist besser für uns alle.
Ich hab oftmals bewusst überhört, wenn sich im Laiengremium, welches die Staatsknete vor die Säue wirft, mal wieder einer dieser «Kultur ist mein Hobby»-Milizionäre gestelzt ausgedrückt hat und mit einem Kulturbegriff rumhantiert wie mit einer altertümlichen Melkmaschine.
Doch was wir brauchen, ist endlich mal eine richtige Maschine, die die Kohle nicht jahrein jahraus an die üblichen Almosenabholer weiterverteilt, sondern dahin schickt, wo die Kohle auch gebraucht werden kann. Nämlich eben dort, wo sich nicht die üblichen Hochsubventionsinseln für die immer gleichen Interessenten ad infinitum masturbieren, also im Populär kulturellen Bereich.
Geschrieben am 25. April 2008 um 17:05Uhr | Permalink
philipp meier schrieb:
@hlm: wow…, das ist eine sehr treffende und unterhaltsame «analyse». schade, dass sie im schlussabschnitt plötzlich wieder sehr(!) vage bleibt. dieser könnte halt doch wieder von allen geschrieben sein, die nicht genügend protegiert werden (was ja bekanntlich /fast/ alle sind…;)
Geschrieben am 25. April 2008 um 17:11Uhr | Permalink
HLM schrieb:
@philipp: meine frau, die in der förderung zu hause ist, ist eben nach hause gekommen. und da wir die subventiönli gerne unter uns am esstisch verteilen, hab ich dann kurz Schluss gemacht…
Geschrieben am 26. April 2008 um 11:50Uhr | Permalink
fastkultur schrieb:
@rb: nur ein kleiner verschämter hinweis auf den tagi-bericht vom 24.4. nach all der aufregung und skandalisierung um das sog. “sex casting”? ohne recherche, nachfrage, ob das stimmt, was da steht?
@philipp meier: Also nachgefragt: Stimmt das, was der tagi schreibt? “Meier habe bedauert, den Sex-Casting-Veranstaltern auf den Leim gekrochen zu sein.”
Geschrieben am 27. April 2008 um 23:16Uhr | Permalink
philipp meier schrieb:
@fastkultur: das stimmt nicht. ich habe während der sitzung auf diesen vorwurf nicht reagiert (was scheinbar ein stillschweigendes zugeständnis sein soll). leider wirft dieser tagi-artikel auch ein schräges licht auf den tagi selber; denn, obwohl mein name 5x aufgeführt, ein bild von mir abgedruckt und das obenstehende mir zuzuschreibende zitat erwähnt wird, konnte ich keine stellung dazu beziehen.
Geschrieben am 28. April 2008 um 09:39Uhr | Permalink
Furz! schrieb:
Mal wieder live aus den Gedärmen eines Zürcher Kulturinstituts.
Der Blog als Real-Time Interface.
Ich würde aber statt immer den Herrn Meier auch gerne mal hören, was der Herr Perreira alles so bläht…
Geschrieben am 28. April 2008 um 09:49Uhr | Permalink
rb schrieb:
Lieber Furz! Auch ich finde, Themenvielfalt ist wichtig, dazu gehört nicht nur Pereira. Insbesondere würde ich gerne mehr über die Galerienszene berichten; ich denke, da gibt es viele Geschichte zu erzählen. Nur fehlt mir der Zugang. Falls jemand mit Insiderwissen aus der Galerienszene das liest und gerne für kulturblog.ch schreiben möchte, der /die kann sich gerne bei mir melden: info [ät] kulturblog.ch
Geschrieben am 28. April 2008 um 11:10Uhr | Permalink
Furz! schrieb:
@rb: ich meinte nicht dich und deine investigativen Aktivitäten, nein, es wäre doch ganz schön, wenn sich der eine oder andere gelackte Kulturfuzzi auch mal aufs Plattförmli stellen würde und dann was sagen würde, hier.
Das rechne ich den Knüsels und Meyers hoch an, den anderen entsprechend eben weniger. Schliesslich ist das Blog doch ein gutes Holzböckli, um hochzusteigen und mit dem Pöbel, der die Kultur zahlen soll/muss, in Diskussion zu treten. Aber die Teppichetage verkehrt eben lieber unter Ihresgleichen im UBS-Foyer…
Geschrieben am 28. April 2008 um 14:24Uhr | Permalink
philipp meier schrieb:
wie wärs mit einem vip-echtzeit-wettfurzen und -rülpsen aufm kulturblog…??? (nur für direktoren mit einer institution im nacken, die mehr als 1 mio. budget hat…; da wären immerhin schon wolfgang reiter und pius knüsel am start:)
unter uns…(hahaha): es gibt einige menschen, die den kulturblog lesen sollten, ihn jedoch nicht lesen. namen möchte ich keine nennen…;) (irgendwo in diesem blog hat jemand dies in verbindung mit dem alter gebracht…; das hat natürlich was…, muss aber trotzdem nix heissen…, odrr ssso…;)
Geschrieben am 28. April 2008 um 16:40Uhr | Permalink
gruppe edvard kunzt schrieb:
In der permissiven Gesellschaft ist auch in künstlerischen Dingen individuelle Selbstverwirklichung angesagt. Die Stichworte heißen heute Selbstdarstellung, prächtige Materialentfaltung und selbstreferenzielle Ästhetik; in der Schweiz kommt noch die sprichwörtliche handwerkliche Solidität dazu. Doch die qualifizierte Auseinandersetzung mit der äußeren, auch der inneren Wirklichkeit wird selten gesucht. Was die Auftragssituation angeht, so werden die von den Geldgebern zur Verfügung gestellten Spielräume dankbar genutzt, um ungestört arbeiten zu können. Die Hand, die das Geld reicht, wird nicht mehr gebissen….
Geschrieben am 29. April 2008 um 21:34Uhr | Permalink