Bühne


Schauspielhaus: Blutbad an der Hochzeit

Foto Matthias Horn
Der Boden der grossen Schiffbau-Halle ist vollständig mit Erde bedeckt, an einigen Stellen wächst Gras. Der Autor Roland Schimmelpfennig und der Regisseur Jürgen Gosch haben speziell für die Halle 1 ein das Stück “Hier und Jetzt“ erarbeitet. Doch — und das ist eher enttäuschend – hat man sich mal hingesetzt, so unterscheidet sich die amphitheaterartige Anordnung nicht mehr stark von einem Guckkasten-Theater; das Stück hätte fast ohne Einschränkung auch im Pfauen gespielt werden können.
Über die gesamte Vorstellung hinweg sitzt eine Hochzeitsgesellschaft an einer langen Tafel. Unter den Gastgebern und Gästen spielen sich archaische Szenen ab: Da wird aufeinander eingeschlagen, Nackt umhergerannt, ein Regenwurm gegessen. Und während alldem ziehen die Jahreszeiten vorbei – nur das grosse Hochzeitsessen ist nie vorüber.
Wie die verschiedenen Zeit- und Inhaltsebenen parallel aufgezogen werden, ist höchst faszinierend. Viel passiert, doch es wird weitergetafelt, als sei alles ruhig. Die zukünftige Geliebte der Braut sitzt unter den Gästen, der Bräutigam schlägt gnadenlos auf ihn ein, alles wiederholt sich mehrmals, Blut fliesst in Strömen. Erst ist das amüsant, doch irgendwann vergeht auch den Ekeltheater-gewohntesten Zuschauern das Lachen. 
Wenns nach zweieinviertel Stunden ohne Pause heisst, “Gehen wir, Lichter aus, Ende”, so ist dies eine Erlösung, nicht nur wegen dem schmerzenden Hintern. Und doch: Sich das anzutun ist durchaus lohnenswert.

Kommentare (3) zu “Schauspielhaus: Blutbad an der Hochzeit”

  1. Thinkabout schrieb:

    Ich bin in Sachen Theaterform ein absoluter Bünzli. Es will mir einfach nicht in den Kopf, für welche eingehendere Veranschaulichung inhaltlicher Aussagen ich partout auf einer Bühen nackte Ärsche oder Eimer voll Blut sehen sollte. Und so, wie Ihr Artikel endet, muss ich sagen. Und warum? Im Grunde müsste der Eintrag erst jetzt anfangen. Und die Frage beantworten: Warum? (sollten wir uns das antun)

  2. rb schrieb:

    Hier geht es um eine Art Grenzerfahrung, da wird parallel zu einer biederen Hochzeit ein blutiger Gewaltexzess gezeigt. Dazu sitzt man unbequem, ohne Rückenlehne so lange, bis Hintern und Rücken schmerzen. So etwas ist kein Genuss. Ein solches Theater ermöglicht aber einen Einblick in die Abgründe des Menschen und des Zusammenlebens — unter der Voraussetzung natürlich, dass es gut gemacht ist (nackte Ärsche und Blut reichen dazu noch längst nicht).
    Das Stück ist für mich aber nicht uneingeschränkt gelungen. Emotional ist es zu wenig mitreissend, der Spannungsbogen weist erhebliche Schwächen auf. Insgesamt aber, unter Berücksichtigung der (grösstenteils) hervorragenden Schauspielern und der besonderen Raumnutzung, kann ich einen Besuch sehr wohl empfehlen.

  3. Thinkabout schrieb:

    Danke für Ihre Ergänzung, die genau das liefert, was ich zuvor vermisst habe.