Literatur
4. Mai 2008
Muschg und die Verdummung
Adolf Muschg hat an den Solothurner Literaturtagen seinem Zorn freien Lauf gelassen, den Literaturkritikern die Leviten gelesen und darüber geklagt, wie alles schlimmer werde. Gemäss Tages-Anzeiger sagte er:
Der Markt setze sich überall massiv durch, auch im kulturellen Bereich, und bewirke Barbarisierung und Verdummung.
Verdummung? Haben wir das nicht schon Tausende Male gehört? Weshalb sind gerade Intellektuelle so anfällig dafür, die Vergangenheit zu verklären und für die Zukunft schwarz zu sehen? Obwohl dies nachweislich völlig falsch ist?
Zum Glück sind nicht alle älteren Intellektuellen so. Neben Muschg ist es geradezu eine Wohltat, Hugo Loetscher zuzuhören, der selbst den Jugendslang mit einer positiven Neugier verfolgt und bei dem man nie auch annähernd das Gefühl hat, dass er den Wandel automatisch als Verschlechterung aufnimmt. Wenn man von Loetscher etwas hört, so ist es (fast) immer lustvoll und hoch intelligent. Bleibt die Frage: Warum ist Muschg in den Medien so viel präsenter als Loetscher?
ensuite schrieb:
…vielleicht, weil Muschg mit der Kritik halt eben doch recht hat und kein Schönredner ist. Eine Entertainment-Gesellschaft braucht dringend mehr Kritik. Und die muss böse und harsch sein – sonst redet niemand darüber.
Gesellschaftskritik darf eben bitte nicht lustvoll und spassig sein! Das nennt man Cabaret und verkauft sich gut – wirkt aber nur lächerlich und ist überhaupt nicht ernst zu nehmen.
Ich danke dem Herrn Muschg für die sogenannte “Bösartigkeit!” Ich persönlich hätte gerne noch mehr davon. Es ist nämlich “fertig luschtig!”
Geschrieben am 4. Mai 2008 um 21:07Uhr | Permalink
rb schrieb:
Von lustig war hier nie der Rede, sondern von einer Grundhaltung (“früher war alles besser”). Gerade Hugo Loetscher hat mit “spassig” und “lächerlich” nun rein überhaupt nichts zu tun!
Natürlich wäre es theoretisch möglich, dass wir uns ausgerechnet jetzt an einem Wendepunkt befinden, dass es nun mit der Gesellschaft bachab geht. Nur: wenn man konkret die heutigen Möglichkeiten mit jenen von vor einigen Jahrzehnten vergleicht, so möchte ich nicht tauschen. Gerade in der Kulturszene: eine freie Szene, wie es sie heute gibt, war vor 20 bis 30 Jahren praktisch inexistent. Trotz allem “Entertainment” ist auch das Interesse an weniger massentauglicher und spassiger Kultur gestiegen.
Nichts gegen differenzierte Gesellschaftskritik, aber diese immergleiche Leier von wegen “Verdummung” und “bei uns war noch alles anders” hat eher mit Verbitterung als mit einer ernsthaften Auseinandersetzung zu tun.
Geschrieben am 4. Mai 2008 um 21:31Uhr | Permalink
O. Graus schrieb:
Vor 20 bis 30 Jahren war die Kulturszene bereits aufgebrochen und in einer sehr kreativen Phase. Das fände ich eigentlich spannender, als die Phase jetzt. Ich erkenne darin keinen Sinn momentan, ausser viel Irrlauf nach Geld. Was ist denn, lieber rb, so viel besser heute?
Geschrieben am 4. Mai 2008 um 23:27Uhr | Permalink
Claudio schrieb:
Man könnte im Tagesanzeiger-Bericht auch noch weiter lesen als bloss das an dieser Stelle eingefügte Zitat. Dann sähe man, dass so pessimistisch die Einstellung Muschgs gar nicht ist: Sie zielt vor allem gegen die Ökonomisierung der Kultur ab. Automatisch als Verschlechterung sieht wohl auch Muschg nicht jeden Wandel.
Ich verstehe deshalb die Haltung auch nicht, die hier vertreten wird.
Geschrieben am 5. Mai 2008 um 08:10Uhr | Permalink
rb schrieb:
O.Graus, darum geht es ja gerade nicht, ob heute alles so viel schlechter oder besser geworden ist (man wird für beides Beispiele finden), mir geht’s um die Verklärung der Vergangenheit.
Claudio, da haben Sie recht, nur hört man bei Muschg solche Niedergangsszenarien ziemlich oft. Ich glaube aber auch nicht unbedingt, dass sich Muschg dabei besonders wohl fühlt. Vor einiger Zeit habe ich einmal geschrieben:
“Bei Adolf Muschg habe ich oft das Gefühl, dass er im tiefsten Innern gar nicht so ist, wie er sich gibt. Sondern jemand, der in seiner ganzen Liebe fürs Detail heimlich den gesellschaftlichen und sprachlichen Wandel neugierig und freudvoll miterlebt. Doch die Verlockung, im Moralisten-liebenden Deutschland zur obersten Liga jener zu gehören, die das ‘Gewissen der Nation’ genannt werden, verleitet ihn dazu, bei jedem Thema die Stirn zu runzeln und den Mahnfinger zu heben.”
Geschrieben am 5. Mai 2008 um 08:44Uhr | Permalink
Claudio schrieb:
Es mag sein, lieber rb, dass diese Beobachtung, die Sie über Muschg gemacht haben, zutrifft.
Ich finde es nur nicht vertretbar, einen Artikel für den Zweck der Verdummung zu zitieren, ohne auf seine Differenziertheit aufmerksam zu machen. Aber vielleicht passt das nicht zu Kulturberichten, die zu sehr auf Stories setzen…
Geschrieben am 5. Mai 2008 um 19:54Uhr | Permalink
samuel schwarz schrieb:
ich mag muschg auch nicht. so als person. irgendwie wird einem auch die ganze zeit suggeriert, ihn nicht zu mögen. ich kann mich noch gut an seine geranien-auschwitz assoziation erinnern ( im sinne von: die geranien seien der schweizerische ausdruck von ausschwitz ). das hatte anfang der 90er ein empörtes aufschreien gegeben, auch von linker seite: ich mag mir nicht von herrn professor muschg meine geranien kaputtmachen lassen. doch was eben unter diesen biederen geranien wirklich lauert, beweist die welt immer wieder, nicht nur in amstetten. schon okay, wenn der mosert. von den grinsern, die immer nur dort gesellschaftskritisch tun, wenns grad opportun ist und nicht wehmacht, haben wir genug.
Geschrieben am 6. Mai 2008 um 08:11Uhr | Permalink
Kulturminister Domin schrieb:
Nur kurz zur so genannten “Vergangenheitsverklärung”, etwas ganz allgemeines: Mir sind solche Leute, die Vergangenheit verklären, oft ganz lieb, zumindest wenn sie eine Vergangenheit verklären, die sie selbst nicht miterlebt haben (viele verklären nämlich Zeiten vor ihrer eigenen Lebenszeit). Dem gegenüber stehen nämlich die Menschen, die zwanghaft immer die Jetztzeit als die beste ansehen. Was nun ist eingebildeter? Das ist wie bei den Miss Schweizen, die anscheinend zwingend sagen müssen, die Zeit, in der sie grad das Krönchen aufhaben, sei die beste Zeit ever.
Geschrieben am 6. Mai 2008 um 09:12Uhr | Permalink