Bühne
6. Mai 2008
Live-Theaterkritik: Schauplatz International im Fabriktheater
In wenigen Minuten gehts los mit der “Dritten Expedition an den Rand der Welt” von Schauplatz International.
Um der Live-Kritik zu folgen, ist es nötig, die Seite alle paar Minuten zu aktualisieren; am einfachsten geht das, indem man auf den Aktualisieren-Knopf klickt, je nach Browser sieht er so
oder so
aus. Damit übergebe ich an Katja Grawinkel, der Live-Theaterkritikerin von heute Abend:
20:06 eine Leinwand, opulentes Technikpult, Videokamera mit allem drum und dran. so weit nichts neues auf theater-bühnen heutzutage…
20:08 Dann kommt eine Botin in Ledersandalen, bringt eine DVD und wir sehen – ja wen? Vier Schweizer unterhalten sich in gebrochenem Englisch über einen ominösen Forscher, ein baby schreit im Hintergrund.
Worum geht es also? Das wissen diese vier selbst noch nicht, sie streiten noch.
20:10 Percy Forcett. Darum geht es hier. Seine Expedition ins Amazonas-Gebiet, inzwischen Legende. UNd dieser Percy, den kennen wir nur aus dem Roman seines Sohnes (Wahrheitsgehalt ca. 10 Prozent, großzügig geschätzt). Alle, die sich aufgemacht haben, seinen Spuren zu folgen, sind gescheitert, gestorben und schlimmeres… die einzigen, die sich heute noch für ihn interessieren sind Esoteriker einer Bruderschaft – und die Expediteure von Schauplatz International…
20:14 Ah, wir sind hier doch im Theater. Eine Leseprobe? Das Stück: eines über Percy Forcett und den Rand der Welt. Geschnallt.
20:17 Spaß macht jetzt schon, dass das fancy Englisch ab und zu immer wieder dem Deutschen weichen muss, dass der Techniker im Video (“you stay here”) neben der Leinwand im Halbdunkel sitzt… und dass das Stück nicht gespielt werden kann. Irgendwie muss das ganze mehr “real” werden, man macht sich auf den Weg und der Film ist zu Ende…
20:20 Dafür kommen jetzt SMS – irgendiwe meditativ: dunkle Stille und ab und zu ein sanftes Handy-Piepen, Botschaften woher? vom Rand der Welt…
20:22 Wenn nichts passiert, prangt Percy Fawcett als Handy-Hintergrundbild auf der Leinwand – und es passiert länger nichts, dann summt das Telefon wieder: wir lesen vom Dschungel unterm Glasdach am Zürichberg, von Webcams am See (der Rand der Welt ist online, so wie meine Kritik), von Esprit und von Regie-Fehlern… Also doch wieder Theater…
20:26 was mich umtreibt, ist diese Stille hier. Es passiert so wenig. Großer Medienrummel klar, das Handy an den beamer angeschlossen, Nachrichten senden, empfangen, Bilder und Text (dazwischen muss man mich überlaut tippen hören), aber dabei ist es völlig still… Theater ohne Schauspieler, ohne gesprochenen Text, ohne Bühnenbild kann anscheinend trotzdem faszinieren – mich haben sie auf jeden Fall gekriegt mit ihrem Rätsel-Raten über den Rand der Welt
20:29 ein pixeliges Filmchen über die “white brotherhood”, die esoterischen Anhänger von Percy Fawcett. Die zeit, die wir mit dem Zuhören und Anschauen der bewegten Bilder verbringen, ist nicht halb so greifbar wie die Zeit des Lesens der SMS-Botschaften. Albert, Annalisa a.k.a. Jane und Lars schreiben ganz schön viel, wo sie sich eigentlich befinden, ist schwer zu sagen…
20:33 In Reihen neben- und hintereinander in einem dunklen Raum zu sitzen und auf eine Leinwand zu schauen, ist ja nun wirklich keine situation, mit der man nicht vetraut wäre. Warum ist das dann so intensiv?
20:34 und noch was: hier erscheinen in einer Tour nachrichten, in denen alles ganz real und super-echt, (ehrlich) geschildert wird, Aber woher wissen wir eigentlich, dass das nicht eine Power-Point-Präsentation ist, die schon vor Wochen vorbereitet wurde? Und der Techniker da unten, der schreibt und liest vielleicht gar keine SMS, der tut vielleicht nur so. Vielleicht ist das ein Statist…
20:36 Vielleicht ist das aber auch großartiges Theater, das irgendwie gar keins ist und trotzdem am laufenden Band Theaterkategorien hinterfragt…
20:38 Huch, mal wieder bewegte Bilder. Indianer von dem Stamm, der angeblich Percy Fawcett getötet hat. Das Video ist kaum zu erkennen, auch weniger interessant, aber am Ende rückt kurz die Kamera ins Bild, alles wieder überaus echt. Das Medium reflektiert sich selbst und so… geht das beim theater auch? Ich habe heute Abend schon den Eindruck.
20:40 “Ich wär so gern bei euch” schreibt unser Techniker seinen Kollegen und geht…
… und kommt wieder.
20:41 Licht an, da sind wir plötzlich alle, wie im Kino, wenn beim Abspann das licht wieder angeht, nur ohne Musik. Dafür sitzen da vorne auf einmal viel mehr Leute, als man gedacht hätte, drei Mädels da wo die Bühne sein könnte, und Lesen…
20:44 dieses Lesen, das machen wir alle gemeinsam. Aber schreibt Annalisa alias Jane etwas vom Feuer machen und da vorne holt tatsächlich einer Holz aus einem Eimer (wie sie geschrieben hat) und fängt an, Feuer zu machen… echt.
20:46 hinten auf der Leinwand gibt es jetzt ein bild von annalisa und vorne ein Feuerzeug. Und auch die anderen setzen Stellvertreter ein, geben Anweisungen vom Rand der Welt. Bühnentechnik kommt zum Einsatz, Simulation der Morgensonne beim Aufgewecktwerden am Rand der Welt… Alle, die sich bisher gefragt haben, was das hier für ein theaterstück sein soll, können jetzt aufatmen: da sind Leute, die was spielen!
20:49 Regie-Anweisungen vom Rand der Welt, per SMS. Und es funktioniert, ein Kajak wird durch den Zuschauerraum geschleppt…
20:50 echte schwitzende Körper, ein schmutziges Kajak, direkt vor unseren Augen und der Techniker schreibt immer noch, er wäre lieber dabei, da am Rand der Welt, wo alles echt und real ist und nicht nur Theater…
20:51 würd mich gar nicht wundern, wenn mein Handy gleich auch klingelt (aber das habe ich brav vor der Vorstellung ausgemacht). Die da unten werden jetzt jedenfalls angerufen und telefonieren (oder spielen sie das nur) mit den Expediteuren. Sie erhalten immr noch Anweisungen, das hoffe ich zumindest, warum sollten sie sonst auf einmal wie wild herumlaufen und springen und schreien…?
20:55 da ist schon wieder Percy Fawcett auf der leinwand, aber was zu seinen Füßen passiert ist längst viel interessanter geworden. Findet der Techniker auch: er textet von präsenz.
20:59 Aber Abwesenheit wird unser Thema bleiben. Die eben noch telefoniert haben, verschwinden wieder. Licht aus. Dafür dürfen wir wieder Videos sehen, MMS vom Rand der Welt, oder den Rändern… Dschungel und das innere eines Shopping-Centers…
21:01 Mit Fug und Recht könnten wir von unserem Raum und unserer Situation hier auch ein Video versenden, mindestens so abenteuerlich was hier passiert, wie die Sachen, von denen wir da lesen und ich ahne: das ist kein Zufall…
21:03 Zeit für Beweise. Wir beobachten Lars mit der Webcam (das kann jeder Internetuser auf der Welt grade machen). Der ist echt am See. Ein bisschen Realität auf der Leinwand, dann war der Rest wohl auch echt… aber vielleicht ist das auch egal…
21:06 Aber Gewisseheiten haben hier keine lange Haltbarkeit. Grade haben wir noch ein Video als Beweis gesehen, dafür, dass Lars irgendwo ist (das er hier nicht ist, das glauben wir gerne, das sehen wir ja). Jetzt sehen wir wieder eins: das innere eines zeltes, die Expediteure sitzen zusammen und interviewen einen Bewohner des Randes der Welt. Und ist das jetzt live? Denn unser Freund, der Techniker, ist schließlich grade vor unseren Augen mit der Kamera in ein Zelt gekrochen… Das stand schon die ganze Zeit da. Wenn die jetzt alles, die ganze zeit in diesem zelt saßen, dann hol ich den Zauberkasten wieder raus…
21:08 wir lernen: wenn die illusions-maschine Theater auf die medien-gesellschaft trifft, dann kann man solche Begriffe wie Beweis oder Gewissheit getrost in die Tonne treten – dann kann man auch ruhig Romane über Forscher-Väter schreiben, die nur 10 prozent von der Wahrheit enthalten…
21:10 schönes schlusswort – offenbar ist nämlich schluss. wieder licht. “Ende der Vorstellung” steht auf einem Zettel (wie klassisch). und der blog ist plötzlich auf der Leinwand. Ja, richtig. Der, den ich die ganze zeit geschriben habe. live. echt…
versprochen.
Die “Dritte Expedition an den Rand der Welt” in der Roten Fabrik gibt es nochmal am 7., 8., 13., 14. Mai, jeweils um 20 Uhr!
Pavel schrieb:
Woran merkt man, dass es Schweizer sind?
Geschrieben am 6. Mai 2008 um 20:11Uhr | Permalink
Giudy schrieb:
Was lauft?
Geschrieben am 6. Mai 2008 um 20:16Uhr | Permalink
G.B. schrieb:
Ein toller Versuch. Er hat Potentiale für die Zukunft. Grosses Kompliment an R.B. und die Kritikerin.
PS. Die Bartoli, denke ich, steht noch immer an der Rampe.
Geschrieben am 6. Mai 2008 um 21:29Uhr | Permalink
unkultur schrieb:
Die Atmosphäre ist wunderschön beschrieben. Irgendwann lief mir ein Schauer den Rücken hinunter.
Geschrieben am 6. Mai 2008 um 21:37Uhr | Permalink
pocemon schrieb:
Schon Fertig. Ich war in der Eisenbahn und habe in “heute” von dieser Weltpremiere gelesen. Wann folgt die Nächste?
Liebe Grüsse
pocemon, genf, schweiz
Geschrieben am 6. Mai 2008 um 22:08Uhr | Permalink
rb schrieb:
Auch von meiner Seite ein grosses Kompliment an Katja Grawinkel!
Als am Ende der Vorstellung der Blog auf die Bühnen-Leinwand projiziert wurde und man nachlesen konnte, was man eben gesehen hatte, da löste sich jegliches Zeitgefühl völlig auf. Das passte hervorragend zu dem Stück, bei dem die Themen Unmittelbarkeit, Distanz und Echtzeit zentral sind.
Hier noch der der Vorschau-Artikel auf diese “Weltpremiere” aus der Abendzeitung “heute”
Geschrieben am 6. Mai 2008 um 23:37Uhr | Permalink
uertner schrieb:
Habe am Kulturradio (DRS 2) vom Theaterprojekt “Schlachtplatte” gehört. Mir scheint es sehr interessant: könnte ich hier mal eine Kritik darüber vom Hausherr “rb” lesen? Kann leider nicht selber hin.
Geschrieben am 7. Mai 2008 um 03:41Uhr | Permalink
samuel schwarz schrieb:
geili sieche
Geschrieben am 7. Mai 2008 um 08:30Uhr | Permalink
rb schrieb:
@uertner: Die Erste Episode der Schlachtplatten von kraut_produktion läuft zurzeit in der Gessneralle, heute war im Tagi eine Kritik. Ich schaffs nicht mehr hin, vielleicht dann an eine der nächsten Episoden.
Geschrieben am 7. Mai 2008 um 15:14Uhr | Permalink
philipp meier schrieb:
shit…, dieser live-blog-abspann (quasi) lockt mich schon fast wieder in dieses olle theaterding mit dem guckkästelchen (wahrscheinlich ist jedoch die fantasie, die dieses tolle blog/d/ing auslöst, wieder viel wilder, als die realität es je sein kann).
übrigens: eine live-kritik aus der gestrigen podiumsdiskussionsrunde zur erweiterung des kunsthauses wäre auch sehr unterhaltsam gewesen (frage: bührles waffengeldkunstsammlung? antwort: die bilder können nichts dafür!)
Geschrieben am 7. Mai 2008 um 16:00Uhr | Permalink