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Was Autoren und Komponisten von der bildenden Kunst lernen können

Der Kunstmarkt boomt, wurde ein bildender Künstler einmal vom Markt entdeckt, so kann er gutes Geld verdienen. Bei Autoren und Komponisten ist das anders, selbst wenn diese eine gewisse Berühmtheit erlangt haben, reichen ihre Einkünfte vom Schreiben oder Komponieren kaum zum Überleben.
Weshalb dieser Unterschied? Vordergründig scheint er klar: Bildende Künstler können greifbare, nicht reproduzierbare Werke zum Kauf anbieten; bei Autoren und Komponisten ist das Werk erst durch die Aufführung oder den Druck zwischen Buchdeckeln vollendet, Aufführungen sind zudem flüchtig und nicht so einfach greifbar.
Schaut man sich aber genauer an, wie der Markt bei der zeitgenössischen bildenden Kunst funktioniert, so könnten sich andere Kunstformen durchaus ein Vorbild daran nehmen. Bei der Konzeptkunst ist es die Idee, die zählt, das sichtbare Endprodukt ist eher zweitrangig. Um die Werke dennoch markttauglich zu machen, haben Künstler wie Sol le Witt das Zertifikat erfunden. Verkauft wird nicht mehr ein fertiges Werk, sondern nur eine Anleitung bzw ein Eigentumszertifikat dazu. Eigentlich könnte jeder einen Sol le Witt an die Wand malen, ein Original ist es aber nur, wenn man ein Zertifikat dafür erworben hat. Das Erstaunliche: der Kunstmarkt glaubt daran und zahlt hohe Preise für solche Zertifikate.
Wenn Sammler bereit sind, für Kunst-Zertifikate viel Geld auszugeben, warum sollten sie es auch nicht für Zertifikate von Musik- oder Theaterstücken sein? Die Autoren oder Komponisten könnten ihr Werk zum Verkauf anbieten, der Käufer erhält dann so etwas wie ein signiertes Original-Manuskript, darf das Stück von jenem Zeitpunkt an sein Eigen nennen und es weiterverkaufen. Die Rechtslage müsste geklärt werden, aber es könnte durchaus sein, dass dem Urheber gewisse Rechte vorbehalten bleiben, zum Beispiel, wo das Werk aufgeführt wird, evtl kann er auch tantiemenberechtigt bleiben. Aber bei jeder Aufführung würde klar gekennzeichnet sein, wem das Werk gehört. Das dürfte für Kulturliebende reiche Leute als Anreiz reichen, sich eine Sammlung an Kompositionen oder (Theater-)Texte anzulegen — genau so, wie es die Sammler von bildender Kunst auch tun.
Bisher gehörten die Urheber, also die Autoren und Komponisten, zu den am schlechtesten Verdienenden in der ganzen Produktionskette. Diesem Missstand könnte man mit dem Werksverkauf vielleicht ein Ende setzen.

Kommentare (6) zu “Was Autoren und Komponisten von der bildenden Kunst lernen können”

  1. Anonymous schrieb:

    Ich frage mich immer wieder, warum sie nicht für den Tages-Anzeiger schreiben.

  2. paul schrieb:

    Fragen über Fragen…..

    Schlussendlich gibts nur eine Anwort auf den allgegenwärtigen Vermarktungswahn:
    GRUPPE EDVARD KUNZT

  3. philipp meier schrieb:

    was mir bei diesem eintrag (und beim kulturblog allgemein) gefällt, ist das quer denken und schreiben (wobei: «quer» meint hier inter-/transdisziplinär; und «leider» nicht im sinn von sperrig…;)
    die GEK wird von uns leider erst dann geld kriegen können, wenn das cabaret voltaire ende september seinen betrieb fortsetzen kann (ergo: geht alle abstimmen, am 28.9.08:)

  4. unkultur schrieb:

    @philipp: “(ergo: geht alle abstimmen, am 28.9.08:) ” –> Wenn mich die grossartig angekündigte Kampagne überzeugt, gern! ;-)

  5. philipp meier schrieb:

    @unkultur: ich habe die kampa meines wissens nicht «grossartig» angekündigt, sondern hoffnungsvoll…;)

  6. unkultur schrieb:

    @philipp: Da ich ebenfalls eine Liebhaberin sprachlicher Nuancen bin, kann ich Dein Bedürfnis nach Berichtigung verstehen. “Hoffnungsvoll” ist mir allerdings zu schwach. Wie wäre es mit “enthusiastisch”?