Literatur


Peter Stamm über Käse und Literatur

Der Schriftsteller Peter Stamm machte in einem Vortrag auf die finanzielle Misere seiner Berufsgattung aufmerksam:

“Das Geld, das die Schweizerische Eidgenossenschaft an Autoren bezahlt entspricht den Direktzahlungen an sechzehn Landwirtschaftsbetriebe. Das mag einer der Gründe sein, weshalb unser Land bekannter ist für seinen Käse als für seine Literatur.”

Mehr Geld = bessere Literatur? Diese Aussage ist auch Stamm wohl nicht ganz geheuer, weshalb er weiter unten im Vortrag ergänzt:

“Es gibt keine Garantie dafür, dass mehr Geld für die Literatur zu besseren Büchern führt, aber vieles spricht dafür. Zeiten grosser künstlerischer Leistungen waren immer auch Zeiten, in denen die Arbeit der Künster geschätzt und angemessen entschädigt wurde.”

Was Peter Stamm sagen möchte, lässt sich in vier Worten zusammenfassen: Gebt mir mehr Geld! Sein Frust ist nachvollziehbar: Als einer der bekanntesten und erfolgreichsten Schriftsteller der Schweiz verdient er (laut eigener Aussage) nicht mehr als ein Lehrer. Aber dass mit einer Umverteilung des Geldes aus dem Käseland ein Literaturland würde, das ist nur Käse.

Kommentare (10) zu “Peter Stamm über Käse und Literatur”

  1. Claudio schrieb:

    Ach, mein lieber rb, ich weiss einfach nicht, was Sie mit Ihrem Kulturblog genau bewirken wollen, aber man kann ja aus geschriebenen Zeilen auch nicht wissen, «was der Autor will», schliesslich ist der Autor seit Roland Barthes sowieso tot.
    Woher wollen Sie denn wissen, was Peter Stamm sagen möchte mit dem Zitat, das Sie ohnehin aus ihrem Kontext nehmen? Ist dies Ihre «eigene Aussage»? Brisante Thesen sind ja schön. Diese brauchen aber auch ein Fundament, das nicht gleich zusammenstürzt, wenn man den Links folgt, die Sie glücklicherweise angeben.

  2. rb schrieb:

    Erklären Sie doch, was warum zusammenstürzt, erst dann kann ich Ihnen antworten.
    Was will ich mit diesem Blog? Zur Debatte anregen, unterhalten, eine andere Sichtweise aufzeigen, meinen Schreibtrieb ausleben, etc. Reicht das?

  3. Thomas H. schrieb:

    …und mehr als ein Lehrer verdienen? ;-)

  4. Claudio schrieb:

    Was zusammenstürzt? Die Behauptung, die Sie aufstellen: «Gebt mir mehr Geld». Warum? Weil sie aus dem Vortrag, der verlinkt ist, nicht hervorgeht.
    Für eine solche These ist der Vortrag viel zu differenziert.
    Ich danke Ihnen für den Hinweis auf den Vortrag!

  5. Zappadong schrieb:

    Spannender Vortrag von Stamm! Danke für den Link.

    In Autorenforen wird dieses Thema heiss und kontrovers diskutiert. Zum Beispiel hier:

    http://autorenforum.montsegur.de/cgi-bin/yabb/YaBB.pl?num=1209550990

    Rund 50 Beiträge von Autoren im oben aufgeführten Link zeigen, wie wichtig das Thema ist, auch, wie wichtig, dass es diskutiert wird.

    Ich bin unschlüssig. Einerseits ist das Einkommen von uns Autoren wirklich nicht gerade berauschend, anderseits trauen viele den Verteilmechanismen nicht (wer bekommt Unterstützung und wer bekommt sie nicht).

    Mühe habe ich persönlich mit dieser Aussage:

    “Einer, der aus Geldnot dauernd Aushilfsjobs annehmen muss, wird nicht die Zeit haben, an einem grösseren Werk zu arbeiten.”

    Ich kenne sehr viele Autoren, die nebenher arbeiten, oder sogar Vollzeit arbeiten und sich die Zeit zum Schreiben stehlen (oder anders gesagt: nehmen) müssen (ich bin auch berufstätig neben meiner Autorentätigkeit) … und wir bringen trotzdem etwas auf die Reihe.

    Wo ich hingegen völlig mit Stamm einig bin: Es muss aufhören, dass man von Autoren und generell Kulturschaffenden erwartet, dass sie für einen Apfel und ein Ei Lesungen bestreiten / Texte schreiben / durch Museen führen ect.

    Zappadong / Alice

  6. peter stamm schrieb:

    vielen dank für die differenzierte diskussion meines referats. nur das zur ergänzung: ein buch ist so gut, wie es ist, egal unter welchen umständen es entstanden ist. aber ich kenne persönlich autoren, die vor lauter brotarbeit nicht mehr in ruhe schreiben können. die, die es können, beglückwünsche ich.

  7. David Meili schrieb:

    Mich hat Peter Stamm in seinem Interview auf Radio DRS zum Vergleiche Landwirtschaft/Literatur sehr geärgert.
    Er mag ein guter Schriftsteller sein (wobei man über sein neues Buch durchaus geteilter Meinung sein kann), doch sein Bild der Landwirtschaft ist auch für einen Linksintellektuellen aus Winterthur unbedarft.
    Stamm vertrat im Interview ernsthaft die Auffassung, dass etwas Brache der Schweizer Landwirtschaft nicht schaden könnte. Als Familienvater verdrängt er, welche wichtige Aufgabe die produzierende Landwirtschaft, ob Bio oder IP auch für seine Kinder erbringt. Vor allem im Raum Winterthur wird die Landwirtschaft nicht durch Brachen, sondern durch Neuüberbauungen, Verkehrskreisel und Radwege verdrängt. Sollen seine Kinder Kühe dereinst nur noch im Zoo “erleben” können? Wie steht es um die Sicherheit der Nahrungsmittel? Ich hoffe, dass die Kinder Lehrer/innen haben, die ihnen ein anderes Bild vermitteln.
    Hat sich Peter Stamm je überlegt, wo Gemüse herkommt, – natürlich von der Migros.
    Mit seinen Aussagen zur Landwirtschaft hat sich Stamm nicht zum Vordenker profiliert, wir warten auf sein Nachdenken.

  8. perkampus schrieb:

    wer schreiben muss, der schreibt, der interessiert sich weder für geld noch für irgend etwas anderes. literatur wird (ausser in latein- und nordamerika) nirgendwo mehr geschätzt.
    in der schweiz (ich selbst schreibe seit drei jahren hier), kann man arbeiten UND leben. es ist dummes zeug, gute literatur jemals an geld fest machen zu wollen. die schweiz hat, was gute literatur angeht, eher ein kulturelles problem.

  9. David Meili schrieb:

    Lieber “perkampus”

    Es gibt auch die arabische Welt, wo die Erzähler von Geschichten hoch angesehen sind. Und es gibt andere ökonomische Systeme als den westlichen Kapitalismus. Und es gibt Autoren in südostasiatischen Staaten, die im Verborgenen schreiben und verfolgt werden. Also – ich gebe Ihnen recht.

  10. perkampus schrieb:

    stimmt natürlich, es ist besser zu sagen: dort, wo nicht das kapital herrscht, ist die liebe zur poesie wesentlich präsenter. in den 50iger jahren hat arno schmidt gejammert und einen dichterpfennig vom staat gefordert, sozusagen als steuer. das problem der unterbezahlten dichter ist ja nun auch keines, das erst heute aktuell wäre. und dann haben wir kafka: ein lebenlang gearbeitet und dennoch ein unglaublich hochstehendes werk geschaffen. die liste liesse sich beliebig weiterführen. sicher, es ist selbstverständlich, dass die dichter etwas vom geldkuchen abhaben wollen. in diesem falle müssen sie halt massenkompatibel schreiben, so einfach ist das. orientiert man sich jedoch an einem literarischen anspruch, dann war es nie und wird es nie sein, dass damit ein guter verdienst zusammenläuft. literatur – das bedeutete zu allen zeiten eine gewisse opferbereitschaft. will man sich nicht darauf einlassen, muss man es lassen. ich selbst habe kein problem damit, mir kein auto leisten zu können. ich brauche es nicht. alles, was ich benötige, ist ein bisschen was zum essen und trinken – und dass meine maschine funktioniert.
    noch etwas: ich glaube, geld würde nur davon ablenken, was man zu tun hat. die kollegen mögen mich steinigen für diese meinung, dürfen aber nciht vergessen, dass ich keineswegs gut dastehe.
    die spitze von stamm gegenüber der landwirtschaft ist, mit verlaub, darüberhinaus wirklich unglaublich dämlich.