Politik
29. Mai 2008
Pro Helvetia: Selbst Gegner kassieren
Daniele Muscionico beschreibt heute in der Weltwoche wunderbar pointiert die Auswüchse der Giesskannenförderung der Pro Helvetia. Als Ergänzung zu dem Artikel hier noch ein besonders schöner Fall.
Robert Nef, Präsident des Liberales Instituts in Zürich, äussert sich immer wieder gegen die nationale Kulturförderung und damit auch gegen eine Institution wie die Pro Helvetia — mit teilweise durchaus nachvollziehbaren Argumenten. Er spricht von “kaputtfördern” und findet, Subventionen seien nur auf lokaler bzw. regionaler Ebene zulässig. Nebenher gibt er noch die Schweizer Monatshefte heraus. Und: diese werden von der Pro Helvetia jährlich mit 10′000 Franken unterstützt.
philipp meier schrieb:
die kritik von daniele muscionico mag berechtigt sein, richtig schlau werde ich trotzdem nicht aus diesem artikel. wobei ich das problem hier orte: die weltwoche möchte nämlich wo immer möglich die macht des bundesrates beschneiden. da kann sie nicht plötzlich damit kommen, dass der bundesrat in der kultur mehr macht erhalten soll.
ich finde es heikel, wenn hier das kind mit dem bade ausgeschüttet werden sollte. über die vergabe-/förderpraxis kann und soll man immer streiten dürfen. es darf jedoch nicht sein, und hierzu habe ich in den letzten monaten meine meinung geändert, dass die pro helvetia (noch) näher an die politik gerückt werden darf. die pro helvetia fördert die kultur (auch;) nicht in meinem sinne; das ist jedoch noch lange nicht grund genug, die förderung den politikern zu überlassen.
Geschrieben am 30. Mai 2008 um 09:47Uhr | Permalink
rb schrieb:
Die Weltwoche fordert doch gar nicht, dass die Politik mehr Einfluss auf die Pro Helvetia erhalten soll, sondern weist nur darauf hin, dass dies bald der Fall sein könnte. Weshalb man vielleicht «nicht ganz schlau» wird aus dem Artikel ist, dass Muscionico nicht aufzeigt, wie man es denn besser machen könnte. Sie bleibt bei der Ist-Analyse.
Was mir v.a. etwas stutzig macht: Knüsel kritisiert seinen Betrieb, als wäre er ein Aussenstehender ohne Einfluss. Ist er tatsächlich völlig unschuldig an dem von ihm kritisierten Zustand? Hat er überhaupt keinen Einfluss auf die Kriterien für den Erhalt von Fördergeldern? Wieviele Kompetenzen hat er überhaupt — oder nimmt er sie zu wenig wahr und schiebt die Verantwortung einfach auf das System, bzw. die Politik?
Geschrieben am 30. Mai 2008 um 10:08Uhr | Permalink
philipp meier schrieb:
eben, das meinte ich ja. sie möchte gerne, getraut sich aber nicht: der pro helvetia das szepter entreissen.
sehr gute fragen, die du leider erst hier im kommentar aufs tapet bringst. das habe ich mich auch schon gefragt. bin sehr gespannt, was/wie/ob pius knüsel hierauf antwortet.
Geschrieben am 30. Mai 2008 um 10:54Uhr | Permalink
Gartenzwerg schrieb:
A propos Giesskanne. Schon lustig, dass sich in der Kulturförderszene alle gerne als verkappte Hobbygärtner gerieren.
Aber lasst Euch von einem gestandenen grünen Daumen sagen: Zuviel Giesskanne führt zu zu oberflächlichem Wurzelwachstum. Ist der Humus gut und ist die wasserführende Schicht nicht zu weit weg (was sie meist nicht), reicht am Anfang eine richtige Schwemmung der Pflanzen.
Diese machen darauf so lange Wurzeln, dass man sich nun eben jenen Pflänzchen zuwenden kann, die gerne extra Streicheleinheiten brauchen.
So hat’s übrigens auch der gute Jack Lang anno dazumal in Frankreich getan: Nachfrage rauf durch Kulturwirtschaft ankurbeln und Subventionen runter, da die Wirtschaft investiert. Subventionen da rein, wo es was bringt (Ausbildung) und da raus, wo Scheinmärkte qua Giesskanne entstehen.
Übrigens, lasst Euch’s gesagt sein:
Unkräuter sind eben doch auch Kräuter wie die hochgezüchteten Kulturpflanzen und eine gute Mischkultur bringt die beste Ernte
Geschrieben am 30. Mai 2008 um 16:42Uhr | Permalink
kathrin schrieb:
man sollte pro helvetia eine weitere million abschränzen und sie der svp zukommen lassen damit sie sich einen besseren grafiker leisten können
Geschrieben am 31. Mai 2008 um 14:46Uhr | Permalink
philipp meier schrieb:
@kathrin: das ist leider falsch. die svp hatte bisher meistens den richtigen grafiker («richtig» im sinne von «wirkungsvoll»). vielleicht fallen sie jedoch diesmal durch (morgen wissen wir mehr…)
@rb: jetzt verstehe ich erst. du meintest mit dem titel eigentlich knüsel (und weniger nef). knüsel kritisiert die pro helvetia und kriegt dafür einen lohn. (das gefällt mir natürlich…;)
@gartenzwerg: du scheinst viel vom gärtnern zu verstehen (und auch von der kulturförderung;). aber: ich bin froh, dass knüsel lieber die spritzkanne benutzt als schwerpunkte setzt (denn ich bin mir nicht sicher, ob seine schwerpunkte die aus meiner sicht die interessanten wären…;)
Geschrieben am 31. Mai 2008 um 22:02Uhr | Permalink
Gartenzwerg schrieb:
@pm: das ist aber doch jammerschade, dass selbst du lieber bei der klassischen Besprenklungsanlage bleiben willst statt beim Versuch einer quasi kuratierten Förderung. Pflanzen lieben es, wenn man mit Ihnen spricht, nicht?
Aber wir könnten auch ganz einfach mal damit anfangen, dass die Kantone und Städte die Breitenförderung machen und der Bund sich auf die Spitzenförderung konzentriert. Im Garten nehm ich auch zuerst den Spaten und dann den 3-Zack, bevor ich den Kräuel hervorkrame.
Die Auslegeordnung im Büro der PH möchte ich dann sehen! Epigonale Förderung, aber hoch zehn! Killt die Kriterien und schafft die Pfründe ab. Jetzt wird neu ausgesät.
Geschrieben am 2. Juni 2008 um 17:00Uhr | Permalink
philipp meier schrieb:
@gartenzwerg: welche spitzen meinst du? (und komm mir nun nicht mit den föhrennadel-, mistgabel-, wind- und disteldornenspitzen…;)
Geschrieben am 2. Juni 2008 um 17:09Uhr | Permalink
gartenzwerg schrieb:
gut, dass du nachfragst. Die Spitze, hmm, jetzt wird’s schwierig.
Ich würde das halt so machen wie in meiner Bündte: mein Beet misst 5mx1.4m. Wenn ich die Kohlköpfe nicht zu eng nebeneinander stehen lasse, dann wächst jeder einzelne mehr als wenn ich die doppelte Menge ansäe.
Das nennt man dann “ausgeizen” (hat mit geiz nichts zu tun). ich würde mich also beschränken auf…sagen wir 10 Kohlköpfe, die dafür so richtig gross und schön werden.
Stehen sie zu eng, “vergeilen” sie, das heisst, sie schiessen auf und bilden keine schönen Früchte.
Jemand muss sich halt am Ende des Tages festlegen und die Schlechten von den Guten trennen, da kommt man nicht drum herum. Die schlechten landen dann im Kompost und bilden den Humus für den neuen Jahrgang.
Dann wären wir halt wieder bei der Frage nach den Kriterien und die Giesskanne grüsst schon wieder.
Es ginge aber auch rum anders: Mit dem Samro (Kartoffelsetzmaschine) alle 30 cm eine Saatkartoffel im Acker versenken und schauen, was dann kommt. Das wär dann die industrielle Kulturförderung und sicher nicht Bio, sondern IP.
Aber wer interessiert eigentlich beim Fördern Nachhaltigkeit (3 Zelge Wirtschaft mit Brache), da die Plankultur der Budgetierung auch in der KuFö von Jahr zu Jahr denkt? Das ist dann wieder wie bei den Bauern: ein Jahr lohnt es, Getreide anzubauen, das nächste Jahr setzt man besser auf Raps.
Geschrieben am 3. Juni 2008 um 10:54Uhr | Permalink
philipp meier schrieb:
@gartenzwerg: gartenbaufachspezifisch kann ich deinen ausführungen folgen; du scheinst ein fachmann zu sein. apropos: ist eigentlich «ausgeizen» dasselbe wie «ausdünnen»? beim ausdünnen lässt man von einer aussaat jeweils die kräftigsten pflänzchen stehen, hätschelt sie, bindet sie wenn nötig an ein stäbchen und später an einen pfahl.
wenn du, lieber gartenzwerg, hier schon anonym kommentierst, dann sollte es dir doch leicht fallen, nun endlich namen, disziplinen oder dergleichen aus kunst und kultur zu nennen, die du wachsen lassen würdest.
Geschrieben am 3. Juni 2008 um 15:07Uhr | Permalink
gartenzwerg schrieb:
lieber pm
ausgeizen nennt man auch ERdünnern, AUSdünnen würd ich dir zur Not auch gelten lassen.
Die Antwort, was ich denn nun stehen lassen würde, interessiert mich nur bedingt, da ich mich mehr für die Mechanismen interessiere.
Obwohl, ich weiss schon sehr gut, welche Hochkultur etwas zuviel Kunstdünger bekommt.
Ein kleines Gedankenspiel: Wenn wir dein Haus mit sagen wir mit den Mios und dem Personaletat des Schiffbaus befeuern würden, da ginge bei Dir sicher auch ganz hübsch die Post ab, nicht? Eben. Holt die alle mal von ihrem Sockel, und zwar subito!
Mein Ziel: mehr Kulturkohle für die Gieskanne, weniger für mehr, dafür mehr für weniger.
Wo der Wasserstrahl dann hintropft, darüber dürfen gerne andere debattieren, ich will Resultate in Form von üppigen Früchten sehen.
apropos anonym: ich versteck mich nicht, sondern liefere…
Geschrieben am 3. Juni 2008 um 15:51Uhr | Permalink
philipp meier schrieb:
@gartenzwerg: ich durfte mal bei einem essen neben jauslin sitzen (wow!;). wir haben uns bezüglich «leuchttürmen» (sind die nun vergeilt oder gepfählt?) unterhalten und waren uns schnell einig: es gibt DIE leuchttürme nicht. jauslin erwähnte u.a., dass für den brasilianischen kulturminister das montreux jazzfestival DER schweizer kulturleuchtturm sei (richtig: er heisst gilbert gil;). jauslin folgerte daraus, dass der bund vielleicht mal montreux mit einem fetten beitrag unterstützen sollte. das finde ich konsequent! wir einigten uns dann darauf, dass es vielleicht eher um spotlights (gezieltes herausheben) als um irrlichtendernde, fix zementierte leuchttürme gehen sollte. ich konnte ihn auch davon überzeugen, dass das cabaret voltaire eine viel zu unterschätzte globale reichweite habe…; warte jedoch heute noch auf geld vom bund…;)))
mit 1 mio. würde ich beispielsweise die mediengruppe bitnik nach mailand und wien schicken, damit sie mal ein richtiges opernhaus hacken könnten. das wäre subversives standortmarketing erster güte…; wenn möglich noch von google gesponsert, damit die kreativsten informatiker aus italien und österreich auf zürich aufmerksam würden.
vielleicht sollte man jauslin einen gartenzwerg ins schweizer kulturgärtli stellen…
Geschrieben am 3. Juni 2008 um 16:56Uhr | Permalink
gartenzwerg schrieb:
Lieber pm: Reden ist eben auch einfacher als zahlen. Denn: wo ein Wille ist, ist auch ein Gartenweg.
Aber wo ein Jauslin ist, ist nicht notgedrungen ein Gartenzwerg.
Mr Jauslin parliert gerne, Mr Knüsel polemisiert ebenso gerne.
Damit halten unsere beiden Gallionsfiguren den kulturellen Diskurs in Gang. *yawn*
übrigens: als semi Westschweizer Gartenzwerg sind mir die halb verlotterten Deutschschweizer Bauerngärten doch um einiges lieber als die biederen Westschweizer Gärten mit ihren petit conifère und dekorativem Zierblumenkohl.
Das gemahnt mich dann doch stark an die Filmförderung à la BidEAU. Viel Fassade, wenig dahinter. Dann doch lieber den jet d’eau.
Geschrieben am 3. Juni 2008 um 18:21Uhr | Permalink
gartenzwerg schrieb:
Noch schnell die eine botanische Analyse, die ich im vorderen Post vergessen hab.
Wären die kultürlichen Leuchttürme vergeilt, hätten Sie keinen Platz an der Sonne gehabt.
Sind diese einfach nur aufgestengelt, so sind sie entweder verblüht (und können getrost abgeschnitten werden) oder haben zuviel Kunstdünger erhalten und hochgeschossen (und sind zum Verzehr nicht sonderlich geeignet).
Einen Pfosten brauchen Pflanzen eigentlich nur dann, wenn sie eine schlechte Statik haben und die haben sie nur, wenn man wiederum zuviel oder gar nicht düngt, wässert.
Geschrieben am 3. Juni 2008 um 18:27Uhr | Permalink