Bühne


Absolut Züri: Ganz Soap

Glück und Leid, Geldsegen und Pleite – alles liegt ganz nah beieinander in der zweitletzten Folge von Absolut Züri. Genau so, wie es bei einer Soap sein muss. Emotionen und Pointen folgen Schlag auf Schlag, alles aalglatt und unterhaltsam; im Gegensatz zu einigen Folgen zuvor wird auf theatrale Mittel wie Wiederholungen, Zeitsprünge oder Verfremdungen fast vollständig verzichtet.
Zum zweiten Mal hat Alexander Seibt den Text geschrieben, nachdem bei seinem ersten Versuch der Trübsal noch vorherrschte, hat er diesmal genregerecht die emotionalen Hochs und Tiefs ausgeglichen verteilt. Einige seiner Textpassagen, zum Beispiel wenn Helena mit einem jungen Schwulen über Eisprünge spricht, sind brillant. Andreas Storms Regie bleibt konventionell, solides Handwerk.
Der Spielort, das Migros Restaurant am Limmatplatz, drängt sich keineswegs auf, die Handlung spielt in einem Spital. Sehr gut macht sich hingegen der Gaststar: Die Bernerin Birgit Steinegger als Ärztin passt hervorragend zu Absolut Züri (oder Absolut Züri zu ihr), mit ihrer schnippischen Art wickelt sie jeden noch so coolen Techno-Typen um den Finger.
Noch ein Hinweis: Am 31. Mai gibts alle 8 Absolut Züri Folgen in einem 12-Stunden-Theatermarathon in der Toni-Molkerei zu sehen.

Sonstiges


Kongresshaus-Ansichten

Während die Stadt mit einer Animation das Volk vom neuen Kongresshaus überzeugen möchte, sei hier an die Comics “Tod eines Bankiers” (1 + 2) von Matthias Gnehm erinnert. Die Comics sind nicht nur spannend gezeichnet, sie zeigen auch, wie ein echt visionäres Kongresszentrum in Zürich aussehen könnte:

kongresshaus.jpg

Die Animation für den Moneo-Bau macht dagegen einen etwas blassen Eindruck… Übrigens: Matthias Gnehm ist ausgebildeter Architekt.

Bühne


Live-Theaterkritik: Schauplatz International im Fabriktheater

In wenigen Minuten gehts los mit der “Dritten Expedition an den Rand der Welt” von Schauplatz International.
Um der Live-Kritik zu folgen, ist es nötig, die Seite alle paar Minuten zu aktualisieren; am einfachsten geht das, indem man auf den Aktualisieren-Knopf klickt, je nach Browser sieht er so picto1.jpg oder so picto2.jpg aus.
Damit übergebe ich an Katja Grawinkel, der Live-Theaterkritikerin von heute Abend:

20:06 eine Leinwand, opulentes Technikpult, Videokamera mit allem drum und dran. so weit nichts neues auf theater-bühnen heutzutage…

20:08 Dann kommt eine Botin in Ledersandalen, bringt eine DVD und wir sehen – ja wen? Vier Schweizer unterhalten sich in gebrochenem Englisch über einen ominösen Forscher, ein baby schreit im Hintergrund.
Worum geht es also? Das wissen diese vier selbst noch nicht, sie streiten noch.

20:10 Percy Forcett. Darum geht es hier. Seine Expedition ins Amazonas-Gebiet, inzwischen Legende. UNd dieser Percy, den kennen wir nur aus dem Roman seines Sohnes (Wahrheitsgehalt ca. 10 Prozent, großzügig geschätzt). Alle, die sich aufgemacht haben, seinen Spuren zu folgen, sind gescheitert, gestorben und schlimmeres… die einzigen, die sich heute noch für ihn interessieren sind Esoteriker einer Bruderschaft – und die Expediteure von Schauplatz International…

20:14 Ah, wir sind hier doch im Theater. Eine Leseprobe? Das Stück: eines über Percy Forcett und den Rand der Welt. Geschnallt.

20:17 Spaß macht jetzt schon, dass das fancy Englisch ab und zu immer wieder dem Deutschen weichen muss, dass der Techniker im Video (“you stay here”) neben der Leinwand im Halbdunkel sitzt… und dass das Stück nicht gespielt werden kann. Irgendwie muss das ganze mehr “real” werden, man macht sich auf den Weg und der Film ist zu Ende…

20:20 Dafür kommen jetzt SMS – irgendiwe meditativ: dunkle Stille und ab und zu ein sanftes Handy-Piepen, Botschaften woher? vom Rand der Welt…

20:22 Wenn nichts passiert, prangt Percy Fawcett als Handy-Hintergrundbild auf der Leinwand – und es passiert länger nichts, dann summt das Telefon wieder: wir lesen vom Dschungel unterm Glasdach am Zürichberg, von Webcams am See (der Rand der Welt ist online, so wie meine Kritik), von Esprit und von Regie-Fehlern… Also doch wieder Theater…

20:26 was mich umtreibt, ist diese Stille hier. Es passiert so wenig. Großer Medienrummel klar, das Handy an den beamer angeschlossen, Nachrichten senden, empfangen, Bilder und Text (dazwischen muss man mich überlaut tippen hören), aber dabei ist es völlig still… Theater ohne Schauspieler, ohne gesprochenen Text, ohne Bühnenbild kann anscheinend trotzdem faszinieren – mich haben sie auf jeden Fall gekriegt mit ihrem Rätsel-Raten über den Rand der Welt

20:29 ein pixeliges Filmchen über die “white brotherhood”, die esoterischen Anhänger von Percy Fawcett. Die zeit, die wir mit dem Zuhören und Anschauen der bewegten Bilder verbringen, ist nicht halb so greifbar wie die Zeit des Lesens der SMS-Botschaften. Albert, Annalisa a.k.a. Jane und Lars schreiben ganz schön viel, wo sie sich eigentlich befinden, ist schwer zu sagen…

20:33 In Reihen neben- und hintereinander in einem dunklen Raum zu sitzen und auf eine Leinwand zu schauen, ist ja nun wirklich keine situation, mit der man nicht vetraut wäre. Warum ist das dann so intensiv?

20:34 und noch was: hier erscheinen in einer Tour nachrichten, in denen alles ganz real und super-echt, (ehrlich) geschildert wird, Aber woher wissen wir eigentlich, dass das nicht eine Power-Point-Präsentation ist, die schon vor Wochen vorbereitet wurde? Und der Techniker da unten, der schreibt und liest vielleicht gar keine SMS, der tut vielleicht nur so. Vielleicht ist das ein Statist…

20:36 Vielleicht ist das aber auch großartiges Theater, das irgendwie gar keins ist und trotzdem am laufenden Band Theaterkategorien hinterfragt…

20:38 Huch, mal wieder bewegte Bilder. Indianer von dem Stamm, der angeblich Percy Fawcett getötet hat. Das Video ist kaum zu erkennen, auch weniger interessant, aber am Ende rückt kurz die Kamera ins Bild, alles wieder überaus echt. Das Medium reflektiert sich selbst und so… geht das beim theater auch? Ich habe heute Abend schon den Eindruck.

20:40 “Ich wär so gern bei euch” schreibt unser Techniker seinen Kollegen und geht…

… und kommt wieder.
20:41 Licht an, da sind wir plötzlich alle, wie im Kino, wenn beim Abspann das licht wieder angeht, nur ohne Musik. Dafür sitzen da vorne auf einmal viel mehr Leute, als man gedacht hätte, drei Mädels da wo die Bühne sein könnte, und Lesen…

20:44 dieses Lesen, das machen wir alle gemeinsam. Aber schreibt Annalisa alias Jane etwas vom Feuer machen und da vorne holt tatsächlich einer Holz aus einem Eimer (wie sie geschrieben hat) und fängt an, Feuer zu machen… echt.

20:46 hinten auf der Leinwand gibt es jetzt ein bild von annalisa und vorne ein Feuerzeug. Und auch die anderen setzen Stellvertreter ein, geben Anweisungen vom Rand der Welt. Bühnentechnik kommt zum Einsatz, Simulation der Morgensonne beim Aufgewecktwerden am Rand der Welt… Alle, die sich bisher gefragt haben, was das hier für ein theaterstück sein soll, können jetzt aufatmen: da sind Leute, die was spielen!

20:49 Regie-Anweisungen vom Rand der Welt, per SMS. Und es funktioniert, ein Kajak wird durch den Zuschauerraum geschleppt…

20:50 echte schwitzende Körper, ein schmutziges Kajak, direkt vor unseren Augen und der Techniker schreibt immer noch, er wäre lieber dabei, da am Rand der Welt, wo alles echt und real ist und nicht nur Theater…

20:51 würd mich gar nicht wundern, wenn mein Handy gleich auch klingelt (aber das habe ich brav vor der Vorstellung ausgemacht). Die da unten werden jetzt jedenfalls angerufen und telefonieren (oder spielen sie das nur) mit den Expediteuren. Sie erhalten immr noch Anweisungen, das hoffe ich zumindest, warum sollten sie sonst auf einmal wie wild herumlaufen und springen und schreien…?

20:55 da ist schon wieder Percy Fawcett auf der leinwand, aber was zu seinen Füßen passiert ist längst viel interessanter geworden. Findet der Techniker auch: er textet von präsenz.

20:59 Aber Abwesenheit wird unser Thema bleiben. Die eben noch telefoniert haben, verschwinden wieder. Licht aus. Dafür dürfen wir wieder Videos sehen, MMS vom Rand der Welt, oder den Rändern… Dschungel und das innere eines Shopping-Centers…

21:01 Mit Fug und Recht könnten wir von unserem Raum und unserer Situation hier auch ein Video versenden, mindestens so abenteuerlich was hier passiert, wie die Sachen, von denen wir da lesen und ich ahne: das ist kein Zufall…

21:03 Zeit für Beweise. Wir beobachten Lars mit der Webcam (das kann jeder Internetuser auf der Welt grade machen). Der ist echt am See. Ein bisschen Realität auf der Leinwand, dann war der Rest wohl auch echt… aber vielleicht ist das auch egal…

21:06 Aber Gewisseheiten haben hier keine lange Haltbarkeit. Grade haben wir noch ein Video als Beweis gesehen, dafür, dass Lars irgendwo ist (das er hier nicht ist, das glauben wir gerne, das sehen wir ja). Jetzt sehen wir wieder eins: das innere eines zeltes, die Expediteure sitzen zusammen und interviewen einen Bewohner des Randes der Welt. Und ist das jetzt live? Denn unser Freund, der Techniker, ist schließlich grade vor unseren Augen mit der Kamera in ein Zelt gekrochen… Das stand schon die ganze Zeit da. Wenn die jetzt alles, die ganze zeit in diesem zelt saßen, dann hol ich den Zauberkasten wieder raus…

21:08 wir lernen: wenn die illusions-maschine Theater auf die medien-gesellschaft trifft, dann kann man solche Begriffe wie Beweis oder Gewissheit getrost in die Tonne treten – dann kann man auch ruhig Romane über Forscher-Väter schreiben, die nur 10 prozent von der Wahrheit enthalten…

21:10 schönes schlusswort – offenbar ist nämlich schluss. wieder licht. “Ende der Vorstellung” steht auf einem Zettel (wie klassisch). und der blog ist plötzlich auf der Leinwand. Ja, richtig. Der, den ich die ganze zeit geschriben habe. live. echt…

versprochen.

Die “Dritte Expedition an den Rand der Welt” in der Roten Fabrik gibt es nochmal am 7., 8., 13., 14. Mai, jeweils um 20 Uhr!

Bühne


Erste Live-Theaterkritik auf kulturblog.ch

Morgen startet die Theatergruppe Schauplatz International im Fabriktheater ihre “Dritte Expedition an den Rand der Welt“. Ein Projekt, bei dem die Darsteller nicht anwesend sind, sondern aus der Peripherie per Handy-Anweisungen das Geschehen im Theater steuern. kulturblog.ch ist mit einer Live-Theaterkritik dabei. Vielleicht ist dies die erste Live-Theaterkritik weltweit…
Also: Morgen Dienstag ab 20 Uhr kommentiert die Theaterkritikerin Katja Grawinkel hier auf kulturblog.ch live aus dem Zuschauerraum des Fabriktheaters die “Dritte Expedition an den Rand der Welt”.

Literatur


Muschg und die Verdummung

Adolf Muschg hat an den Solothurner Literaturtagen seinem Zorn freien Lauf gelassen, den Literaturkritikern die Leviten gelesen und darüber geklagt, wie alles schlimmer werde. Gemäss Tages-Anzeiger sagte er:

Der Markt setze sich überall massiv durch, auch im kulturellen Bereich, und bewirke Barbarisierung und Verdummung.

Verdummung? Haben wir das nicht schon Tausende Male gehört? Weshalb sind gerade Intellektuelle so anfällig dafür, die Vergangenheit zu verklären und für die Zukunft schwarz zu sehen? Obwohl dies nachweislich völlig falsch ist?
Zum Glück sind nicht alle älteren Intellektuellen so. Neben Muschg ist es geradezu eine Wohltat, Hugo Loetscher zuzuhören, der selbst den Jugendslang mit einer positiven Neugier verfolgt und bei dem man nie auch annähernd das Gefühl hat, dass er den Wandel automatisch als Verschlechterung aufnimmt. Wenn man von Loetscher etwas hört, so ist es (fast) immer lustvoll und hoch intelligent. Bleibt die Frage: Warum ist Muschg in den Medien so viel präsenter als Loetscher?

Bühne


Theater am Rednerpult

Foto Stephan Rappo
Vor zwei Wochen brachte Maggie Tapert mit ihrem Sex-Casting im Theater am Neumarkt die Zürcher Kulturbeamten in Wallung, gestern war sie wieder in dem Theater, als regulärer Premierengast. Vielleicht dachte die Sexberaterin, sie könne von der ”Publikumsberatung” (so heisst das Stück) etwas lernen. Wahrscheinlich wollte sie aber einfach einmal sehen, was sonst so in dem Theater läuft.
Nichts skandalöses an jenem Abend — und auch nichts, was sich als besonders herausragend erweist. Das Stück von Kathrin Röggla mit dem Ex-Ensemble-Mitglied Leopold von Verschur in der Hauptrolle, ist eine intellektuelle Spielerei, das wie ein Comedy-Stück beginnt und je länger je verrückter, aber auch anstrengender wird. Eineinhalb Stunden spricht der schüchterne, leicht verwirrte Mann, der doch sehr von sich selbst überzeugt ist, am Rednerpult, von Foucault und Jean Paul, vom Kapitalismus und vom Neobiedermeier. Von einer Redner-Agentur engagiert, weiss der Redner weder worüber er genau spricht, noch zu welchem Anlass — ein Konzept, das überstrapaziert wird.
Hier noch ein Ausschnitt aus dem wunderbaren Prolog, vorgetragen vom “Sponsor des Abends”, Franz Tröger:

“das theater, in dem wir uns heute versammeln, steht an einem scheideweg. ein intendant wird es zum ende der spielzeit verlassen, mit ihm sein gesamtes künstlerisches team, er wird ausgetauscht gegen zwei neue — halb so alte. (das was ich zu meiner Frau, natürlich nur im scherz, sage: ‘wenn du 50 wirst tausche ich dich ein gegen zwei 25jährige!’, hier wird es ereignis.)”

Literatur, Sonstiges


Schweizer Buchpreis: Noch eine Auszeichnung

Gestern mokierte sich die FAZ über die Literaturpreisflut im deutschsprachigen Raum — und an dem selben Tag melden der Schweizer Buchhändler- und Verlegerverband SBVV und der Verein Literaturfestival Basel, dass im November erstmals ein “Schweizer Buchpreis” verliehen wird, dotiert mit 50′000 Franken.
Die FAZ meint zu den vielen Preisen:

“Hunderte von öffentlichen und privaten Literaturpreisen nämlich sind auf die deutschsprachige Literatur niedergegangen, haben sie sanft unter sich begraben. Meldung um Meldung sendet ein Literaturredakteur in den Orbit, manchmal fünf am Tag. Sie verstopfen nicht nur den Stehsatz.”

Auch ich hatte mir schon überlegt, wie lange man bei einer Tageszeitung in den Kurzmeldungen täglich eine erfundene Preisvergabe mit einem erfundenen Preisträger vermelden könnte, bis es jemand merkt. Wahrscheinlich mehrere Jahre.
Zurück zum Schweizer Buchpreis. Da hinter der Vergabe der Verband steckt, so ist das Ziel des Preises wohl nicht nur, einen verdienten Autoren auszuzeichnen; die Verleihung soll wohl auch Promotionszwecken dienen. Dasselbe machen auch die Filmleute mit dem Schweizer Filmpreis oder die Bühnensparten mit ihrem Preisen.
Am besten wäre, all diese nationalen Kulturpreise zusammenzulegen und an demselben Galaabend zu vergeben, der vom TV übertragen wird. Damit wäre allen gedient: die Beachtung wäre für alle höher und die lastige Preisverleiherei auf einen Tag pro Jahr beschränkt.