Sonstiges


Der Kran, der aus dem Kamin kam

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Aus den meisten Kaminen kommt Rauch, aus diesem hier ein Kran. Zumindest wenn man von der Kehlhofstrasse bei der Schmiede Wiedikon aus schaut.

Bühne, Sonstiges


Oper in der Fanzone: Besser als Fussball

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Dem Opernhaus ist mit der Übertragung der Carmen-Premiere in der Fanzone am Bellevue ein Coup gelungen. Der Ansturm war grösser als an manchen Vorrunden-Spielen, alle Sitzplätze wären besetzt, Hunderte von Leuten mussten stehen oder auf dem Boden Platz nehmen. Damit ist klar: einer der grössten Profiteure der Euro ist das Zürcher Opernhaus. Die Kosten für die neuen Schallschutzfenster und für diese geniale PR-Aktion einer Gratis-Opern-Übertragung übernahm die Stadt. Der Nutzen, der das Opernhaus daraus zieht, reicht weit über die Euro hinaus.
Schauspielhaus-Direktor Matthias Hartmann hat die “Carmen” auf Hochglanz poliert, aalglatt wie ein Spoerli-Ballett kommt seine Inszenierung daher — für eine Grossleinwand-Übertragung ideal. Nur eine kurze Bild-Ton-Verzögerung trübte an dem wunderbaren Sommerabend den Genuss der Bizet-Ohrwürmer, doch wenn man beim Zuschauen ein paar Carlsberg-Biere zu sich nahm, war dies kaum mehr bemerkbar. 
Eigentlich sollte das Opernhaus nun einen Schritt weitergehen und seinen Chor und den Escamillo beim Euro-Finale zur Verfügung stellen, damit die bei jedem Tor der Spanier das “Toreador”-Lied anstimmen können.

Zum Thema:
EM & Pereira: Unnötig geschimpft

Bühne


Opernhaus: Homoki der neue Marthaler?

Die Schweizer Presse ist des Lobes voll für die Wahl von Andreas Homoki ans Opernhaus Zürich. Aus der Distanz wird der mutige Entscheid anders beurteilt, die “Welt” sieht bereits den nächsten Fall Marthaler auf Zürich zukommen:

“Die Oper Zürich ist ein wunderbar altväterlich geführter, auf höchsten Touren laufender, international anerkannter Gemischtwarenladen, der Starglanz und geschickten Kompromiss, interpretatorischen Ehrgeiz und große Namen einigermaßen harmonisch vereint. Homoki freilich spielte bisher in der zweiten Liga. Der Zürcher Aufsichtsrat will offenbar einen ästhetischen Neuanfang. Das ehrt ihn. Doch das wollte man beim Schauspielhaus mit dem als Theaterleiter unerfahrenen Christoph Marthaler auch.”

Entgegen der gängigen Meinung war es bei Marthaler in erster Linie nicht die künstlerische Ausrichtung, die das altehrwürdige Publikum vertrieb, sondern dass zu Beginn viele Premieren kurzfristig verschoben werden mussten und dass plötzlich eine ganze Horde von schlechtangezogenen jungen Besuchern das Pfauen-Foyer in Beschlag nahm. Die Zürcher Gesellschaft setzt auf Konventionen, möchte im Parkett unter sich sein. Wenn Homoki diesem Umstand Rechnung trägt, kann auf der Bühne durchaus auch etwas Gewagteres passieren.

Zum Thema:
Pereiras perfekter Abgang

Bühne


Pereiras perfekter Abgang

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v.l. Markus Notter, Alexander Pereira, Josef Estermann, Andreas Homoki, Sir Peter Jonas

Manchmal ist kulturbloggen langweilig. Zum Beispiel jetzt bei Pereiras Abgang vom Opernhaus Zürich (Medienmitteilung). Zu perfekt wurde er inszeniert, keine Indiskretion sickerte zuvor durch, an der Lösung gibt es nichts zu bemängeln, im Gegenteil. Alles ging so professionell, so ohne Zwischentöne vor sich, dass die Journalistenschar an der Pressekonferenz schon fast ratlos war. Klar, der Verwaltungsratspräsident Josef Estermann (ohne Bart hat er eine verblüffende Ähnlichkeit mit Alexander Pereira) sprach vor allem davon, dass der Neue, Andreas Homoki, auch zum Geldauftreiben bereit ist — offenbar das wichtigste Kriterium für die Wahl, eigentlich nicht weiter erstaunlich.
Homoki gab sich locker, als einziger auf dem Podium ohne Hemd, im Polo-Shirt; nur seinem starken Schwitzen an sah man, dass er doch etwas aufgeregt ist. Pereira posierte vor Beginn der PK Arm in Arm mit Homoki, immer wieder wurde die Harmonie zwischen den beiden betont. Die Enttäuschung darüber, dass sein Vertrag bloss um ein Übergangsjahr verlängert worden ist, war Pereira kaum anzusehen. Unauffällig im Hintergrund blieb Peter Wuffli, der gefallene UBS-CEO hat sich bei dem Findungsprozess stark engagiert, seine Aufgabe als ehrenamtlicher Opernhaus-Verwaltungsrat scheint ihm über die vergangene Schmach hinwegzuhelfen. 

Bühne


DV8: Homophobie-Lektion zur Festspieleröffnung

Am Samstag war das Eröffnungsfest der Zürcher Festspiele in der Gessnerallee und die Mehrheit der Disco- und Fussballübertragungs-Besucher wusste wohl gar nicht, was die Festspiele überhaupt sind, geschweige denn, dass dies ein Festspielanlass ist. Die privilegierte Klasse hatte ihre eigene Eröffnungsparty einen Tag zuvor im Opernhaus. Es ist zwar aus PR-Sicht legitim und sinnvoll, den letzten, schwierigen Monat der Spielzeit zu retten, indem man alle Produktionen, die mit wenigen Ausnahmen ohnehin gespielt würden, “Festspiele” nennt; dass dadurch aber so etwas wie eine Festspielstimmung aufkommt, ist illusorisch.
Am ehesten noch profitieren die kleineren Bühnen von dieser PR-Massnahme: aus dem Festspieltopf erhalten sie zusätzliches Geld, um sich etwas grössere Produktionen leisten zu können. In der Gessnerallee war am Startwochenende DV8 aus England zu Gast. Eine Multikulti-Truppe mit einem klaren aufklärerischen Anspruch. Für “To Be Straight With You” hat sie unzählige Interviews zum Thema Homosexualität und Religion geführt und bringt diese gesprochen und getanzt auf die Bühne. Das wirkt zu Beginn wie eine Lehr-Stunde, wird dann aber immer persönlicher, körperlicher, stärker. Ob das Zürcher Kulturpublikum der richtige Adressat für ein solches Anti-Homophobie Stück ist, sei dahingestellt. Trotz Hitze und Fussball waren aber alle Vorstellungen voll – vielleicht hat das PR-Ereignis ”Festspiele” doch positiv mitgewirkt.

Literatur, Politik


BAK: Erfolgsabhängige Förderung am falschen Ort

Das Bundesamt für Kultur will eine erfolgsabhängige Buchförderung einführen, nach dem Vorbild von Succes Cinéma. Warum ausgerechnet beim Buch? Beim Film ist eine erfolgsabhängige Förderung nachvollziehbar: aufwändige Produktionen sind meist publikumsträchtiger, mit einer erfolgsabhängigen Förderung ist der Anreiz da, in grössere und teurere Produktionen zu investieren. Auch in der freien Theaterszene könnte eine erfolgsabhängige Förderung sinnvoll sein, damit weniger und dafür ausgereiftere Produktionen auf die Bühnen kämen.
Doch bei der Literatur? Was kann da eine erfolgsabhängige Förderung bewirken? Dass die Bestsellerautoren noch mehr verdienen? Dass die Verlage dafür belohnt werden, wenn sie nur noch Bücher von erfolgsversprechenden Autoren verlegen? Schreibt ein Schriftsteller plötzlich verständlicher, publikumsnäher oder besser, wenn bei Erfolg eine zusätzliche Geldprämie lockt? Kaum.
Beim Film und beim freien Theater ist das in der Regel anders: Das Fördersystem setzt dort den Anreiz, möglichst viel Aufwand in die Akquise von Fördergeldern zu stecken und möglichst wenig in die Produktion. Eine erfolgsabhängige Förderung kann in jenen Sparten tatsächlich zu einer Qualitätssteigerung führen, bei der Literatur nicht.

Sonstiges


Keine Kultur mehr und keiner merkts

Auf die Frage, was die Auswirkungen wären, wenn alle Kultursubventionen gestrichen würden, sagt der angesehene frühere Feuilletonchef der Basler Zeitung, Hans-Joachim Müller, im ProLitteris-Magazin “Gazetta”:

“Die Mehrzahl der Leute würde gar nichts merken.”

Bitter. (Müller ist notabene ein grosser Verfechter von Kultursubventionen.)

Kunst/Museen


Kunst im öffentlichen Raum: Warum nicht ein Intendant?

Die Arbeitsgruppe Kunst im öffentlichen Raum (AG KIöR) hat einen Leitfaden (pdf) herausgegeben, indem u.a. die Kriterien für neue Werke bzw. Umplatzierungen definiert werden:

Massgebliche Kriterien sind:
– künstlerische Qualität
– ortsbezogene Notwendigkeit und Dringlichkeit
– lokaler / nationaler / internationaler Stellenwert
– gesellschaftliche Relevanz
– ausstellungsbiografischer Hintergrund
– Förderung der hiesigen Kunstszene
– ethisch oder politisch heikle Hintergründe, Konfliktpotential
– kontextuelle Bezüge, z.B. institutionelle Partner
– Offenheit für ein lebendiges Stadtbild
– allgemeine Sicherheit
– Verträglichkeit mit anderen Veranstaltungen oder Bauprojekten am gleichen Ort oder in der Nähe
– gute Widerstandsfähigkeit (Alterung)
– exogene Einflüsse auf die Kunst (Gefährdung von aussen)
– endogene Einflüsse der Kunst (Gefährdung durch die Kunst)
– Kosten

Die Kriterien lassen viel Spielraum offen, zum Beispiel ist nicht ersichtlich, ob nun das “Konfliktpotenzial” ein Kriterium für oder gegen ein Werk ist.
Anstatt eine Kommission (“Arbeitsgemeinschaft”) ins Leben zu rufen, wäre es mutiger und interessanter gewsesen, zumindest für die temporären Werke ein Intendantenmodell einzuführen. Ein jährlich wechselnder Intendant bzw Kurator, der alleine über die ausgestellten Werke entscheidet, könnte viel eher Akzente setzen. Über die Jahre könnte man dann vergleichen, sicherlich würde es unvergessliche Intendanten geben und solche, die ein Ärgernis waren — für Gesprächsstoff wäre jedenfalls gesorgt. 
Obwohl die AG KIöR gut besetzt ist (u.a mit Dorothea Strauss als Präsidentin), droht bei einer Kommissionslösung immer eine konsensbedingte Verwässerung.

Zum Thema:
Zürich: Gegenkonzepte für Teddybären

Film


Samir wird Privat-TV-tauglich

Samirs Dschoint Ventschr Produktionen galten als das Bollwerk des Schweizer Autorenfilms, jenseits des Mainstream, mit dem Spezialgebiet Multikulti-Probleme. Letztes Jahr musste die Firma alle Mitarbeiter entlassen, nachdem einige Projekte bei der Filmförderung durchgefallen waren. Jetzt ändert Samir offenbar seine Ausrichtung: Dschoint Ventschr nimmt eine Co-Produktion mit dem Schweizer Fernsehen und Sat1 in Angriff, eine romantische Bären- und Liebesgeschichte in den Bündner Bergen. Der Titel: “Eine bärenstarke Liebe”. Für die Regie verantwortlich ist Mike Eschmann, bekannt geworden mit dem Blödelfilm “Achtung, fertig Charlie”. Was vor allem zeigt: Vor dem bärenstarken ökonomischen Druck halten auch die ehrwürdigsten Prinzipien nicht stand.

Zum Thema:
Condor statt Dschoint Ventschr: Alles wegen Bideau?

Bühne, Sonstiges


EM & Pereira: unnötig geschimpft

Schon Monate vor dem Anpfiff zur Europameisterschaft schimpfte Opernhausdirektor Alexander Pereira über den Anlass. Er fürchtete, die Operngänger würden durch die Fans gestört. Und überhaupt, die Stadt habe keine Ahnung, mache alles falsch. Nach den ersten Spieltagen die Entwarnung: die neuen Lärmschutzfenster nützen, selbst beim grössten Torjubel höre man im Opernhaus nichts; Pereira besuchte sogar ein Spiel im Letzigrund. Und das Erstaunlichste: die EM habe keinerlei Auswirkungen auf den Kartenverkauf. “Sogar bei den Spielen der Schweiz wurden nicht weniger Karten verkauft als sonst”, sagt Pressesprecherin Nadia Stefanizzi.
Vorsorglich mal zu klagen hat in der Kulturbranche ebenso System wie bei den Bauern: so stellt man sicher, dass jedmöglicher Einnahmeausfall vom Staat gedeckt wird. 

Nachtrag: Anders ergeht es dem Schauspielhaus, im Pfauen ist ein klarer Zuschauerrückgang zu verzeichnen; an den zwei Abenden, an denen die Schweiz spielte, mussten die Vorstellungen gar abgesagt werden. Im Schiffbau dagegen, weit weg von der Fanzone, spürt man nichts von der EM, im Gegenteil, die Vorstellungen seien sehr gut besucht (dort laufen zurzeit auch die guten Produktionen).

Zum Thema:
Euro 08: Kultur-Aristokratei gegen Fussball-Pöbel
Zürich: Theater beliebter als Fussball

Film


Filmpreis: Frack gegen Rollkragenpulli

BAK-Filmchef Nicolas Bideau möchte nicht, dass die neue Filmakademie bereits im nächsten Jahr die Nominationen für den Filmpreis vornimmt — obwohl sie eigens dafür geschaffen wurde. Als Grund schiebt er finanzielle und juristische Gründe vor. Doch Bideau, der die Filmförderung immer schon als Show verstand, möchte bei der ersten TV-Übertragung einer Schweizer Filmpreisverleihung die Zügel alleine in der Hand halten. Die Dachorganisation der Filmer, Cinésuisse, hat gestern ein Protestschreiben veröffentlicht (pdf).
Der Streit ist nur eine weitere Episode im Kampf zwischen jenen, die unter Erfolg v.a. viele Zuschauer verstehen und jenen, die weiter an ihren Kunstfilmen unter Ausschluss der Öffentlichkeit werkeln wollen. Personifiziert ist das ein Kampf der Funktionäre Nicolas Bideau gegen Ivo Kummer, bei den Filmemachern Michael Steiner gegen Samir. Die eine Seite will so etwas wie ein Schweizer-Oscar mit Frack-Pflicht, die andere Seite will beim altgedienten Rollkragenpulli bleiben.
Bei Cinésuisse und in der Filmakademie ist die Rollkragenpullifraktion (noch) in Überzahl und so fürchtet Bideau, dass sie ihm seine grosse TV-Show im KKL Luzern vermiesen könnte. Mit aller Kraft will er verhindern, dass Leute das Schweizer Oscärchen abholen, von denen noch nie jemand etwas gehört hat und die Ex-Missen im Parkett sitzen bleiben. 
Der Konflikt wird sich nicht so rasch lösen, die Schweizer Filmpolitik bleibt eine Seifenoper. 

Sonstiges


In eigener Sache: Kulturblog und Newsnetz

Wie man hier und hier nachlesen kann, übernehme ich die Leitung ‘Kultur und Unterhaltung” des neuen Online-Newsnetzes von Tages-Anzeiger, Basler Zeitung und Berner Zeitung. Start ist am 8. August. Die Plattform www.kulturblog.ch bleibt erhalten und wird in das Newsnetz integriert. Rezensionen, Meldungen und recherchierte Geschichten erscheinen dann auf den regulären Newsnetz-Seiten, gewisse Kommentare (v.a., wenn sie sich vom Tages-Anzeiger unterscheiden…), Nebenaspekte etc. auf kulturblog.ch.

Sonstiges


Die Schweiz ein Zirkus-Biotop?

Spiegel-Online beklagt die Ablösung des traditionellen Zirkusses (“Theater fürs Volk”) durch einen “Showbrei” à la Cirque du Soleil:

“Gegen einen wie ihn, gegen Hollywood im Zelt, haben klassische Zirkusse, die sich ohnehin schon seit Jahren in Agonie befinden, auf kurz oder lang wohl keine Chance. Einzelne werden in geschützten Biotopen wie der Schweiz überleben oder werden wie Roncalli einen Weg finden, Moderne und Klassik zu vereinen. Der Rest läuft Gefahr, auf der Strecke zu bleiben.”

Die Schweiz ein geschütztes Zirkus-Biotop? Soll man dies als Lob oder als Beleidigung auffassen? Jedenfalls, ganz so paradiesisch sind die Zustände für Zirkusse in der Schweiz auch nicht. Zwei funktionieren ganz gut (Knie und Monti) andere halten sich seit Jahren standhaft über Wasser (Royal und Nock) und einem gelingt es je länger je besser, durch ein neuartiges, theatraleres Programm ein neues Zuschauerfeld zu erschliessen (Starlight). Viele weiter sind in den letzten Jahren pleite gegangen; aber Zirkusleute wären nicht Zirkusleute, wenn sie nach einem Konkurs nicht unter einem leicht abgeänderten Namen weitermachen würden — um dann wieder vor leeren Zuschauerrängen zu spielen. Schlimmer als ein Cirque du Soleil sind für die Zirkusbetriebe hypersterile Weihnachtszirkusse wie der Salto Natale; solch lieblose, teure Shows, von der Presse gehätschelt, sind eine ästhetische Plage – der Schaden tragen die alten Wanderzirkusse.

Zum Thema:
Circus Knie: Ode an die alte Bestuhlung
Wie viel Zirkus verträgt Zürich?

Bühne


Alles Theater: Callcenter in Kalkutta

Ich betrete ein Büro im dritten Stock des Ringier Pressehauses, alleine. Das Telefon klingelt, am Apparat meldet sich ein Mann Names Dicky Banerjee, angeblich aus einem Callcenter in Kalkutta, Indien. Ich solle die Schuhe ausziehen und es mir auf dem Sofa gemütlich machen.
“Soll ich Ihnen einen Tee zubereiten?”, fragt der freundliche Herr auf Englisch mit indischem Akzent. Das Lämpchen beim Wasserkocher in der Ecke beginnt zu leuchten, ich könne mir den Tee nun eingiessen. “Musik gefällig?” Ja, klar — und aus der Stereoanlage erklingt indische Musik. Dicky fragt mich aus, Private Dinge, ob ich verheiratet sei, glücklich. Auch er erzählt munter aus seinem Privatleben. Er sagt, ich solle zum Drucker gehen. Und tatsächlich, ein Bild von ihm kommt heraus. Später, vor dem Computer am Bürotisch dann der endgültige Beweis, wir sehen einander per Webcam, reden angeregt miteinander. Er hat alles in dem Zürcher Büro unter Kontrolle: das Licht, den Computer, die Stereoanlage.
Er erzählt von den Arbeit im Callcenter. In einem Sprachtraining lernen die Angestellten den britischen und US-Akzent, damit die Angerufenen nicht merken, dass von Indien aus telefoniert wird. “Eine grosse Bühne ist das, ein Theater.” — “Denken das die normalen Mitarbeiter auch?”, frage ich – “Nein, der Druck ist gross, die Arbeitsbedingungen streng, Zeit für Reflexion hat hier kaum jemand.” Wieder kommen Zweifel, ob denn er wirklich ein echter Call-Center-Mitarbeiter sei oder bloss ein Schauspieler. Doch eigentlich ist das egal. Die Wirkung ist die gleiche: ob jemand in Indien oder in der Schweiz sitzt, kommt nicht mehr draufan im globalisierten Datenstrom. Irgendwann erscheint der Countdown auf dem Bildschirm, noch fünf Minuten — dann ist Schluss. Schade, ich hätte gerne noch lange mit Dicky gesplaudert – in den 50 Minuten haben wir uns doch ein bisschen kennen und schätzen gelernt.
Call Cutta in a Box heisst diese Produktion von Rimini-Protokoll, das Schauspielhaus hat sie nach Zürich gebracht. Wie die Distanz durch moderne Kommunikationsmittel völlig aufgehoben wird, erinnert an die “Expedition an den Rand der Welt” von Schauplatz International (Live-Kritik hier), nur ist Call Cutta in a Box intimer, ein Theater für eine Person. Zu erleben ist es noch bis zum 29. Juni. Nicht verpassen!

Zum Thema:
Rimini Protokoll mach Dürrenmatt-Nostaligie
Karl Marx auf der Bühne

Politik


Annoni: “Knüsel übernimmt die Rolle eines Provokateurs”

Nachdem Pro Helvetia Direktor Pius Knüsel die Förderpraxis der eigenen Institution kritisiert hatte, stellte ich dem Präsidenten der Pro Helvetia, Mario Annoni, per E-mail drei Fragen. Heute sind die Antworten eingetroffen, mit der Bitte, diese vollständig zu veröffentlichen und keine Kürzungen vorzunehmen. Hier sind sie:

Pius Knüsel kritisierte in letzter Zeit mehrmals das Giesskannenprinzip der Pro Helvetia und fordert stattdessen eine Elitenförderung. Was ist ihre Meinung dazu?
Mario Annoni: “Pius Knüsel hat sich in erster Linie im Rahmen des Forums Kultur und Ökonomie im April 2008 in Bern zur aktuellen Kulturförderung geäussert. Auf Wunsch der Veranstalter übernahm er die Rolle eines Provokateurs. Er lieferte eine bewusst einseitige Darstellung der aktuellen Probleme, um die Debatte in Gang zu bringen. Vom formellen Standpunkt aus gesehen hat das funktioniert.
Hinter den kritischen Anmerkungen von Pius Knüsel steckt allerdings kein Plädoyer für eine elitäre Kultur oder Kunst, wie Ihre Frage es unterstellt. Im Gegenteil, Pro Helvetia meidet die Versuchung des Elitarimus, weil der Begriff Elite häufig genug Privileg oder Privilegierung konnotiert. Wie auch, dass jene, die zur Elite gehören, es ohne weiteres Verdienst bleiben.
Dem Begriff Elite stellen wir den Begriff Talent gegenüber. Pro Helvetia praktiziert eine Förderpolitik, welche das Talent der Kulturschaffenden ins Zentrum rückt. Deshalb spricht Pius Knüsel von den Besten.
Ich habe keine grundsätzlichen Differenzen mit meinem Direktor. Wir diskutieren öfters Fragen der Kulturpolitik. Die Grundzüge dessen, was der Direktor öffentlich sagt, sind mit dem Präsidenten abgesprochen. Dagegen haben wir einige Differenzen, was die Form angeht. Pius Knüsel hat einen Hang zur Provokation, der manchmal irritiert. Doch jedem sein Stil!
Darüber hinaus ist Pius Knüsel ein ausgezeichneter Direktor mit einer beispielhaften Energie. Er erfreut sich des Vertrauens des Leitenden Ausschusses und der MitarbeiterInnen von Pro Helvetia. Die Stiftung ist gut geführt und das Arbeitsklima ausgezeichnet.”

Wie gross ist der Spielraum von Herrn Knüsel? Im Pro Helvetia Gesetz ist nicht ersichtlich, dass das Geld so breit gestreut werden muss; was unter ”Qualität” zu verstehen ist, wird dort nicht näher definiert. Ist Herr Knüsel für die von ihm angeprangerte Misere nicht auch selbst verantwortlich? Oder sind die 50% Zustimmungsrate bei der Projektförderung eine Vorgabe des Stiftungsrates?
“Um Ihre zweite Frage zu beantworten, müssen wir einen Blick auf die Organisation der Stiftung werfen. Diese ist durch das Gesetz und das Geschäftsreglement vorgegeben. Sie sieht vor, dass der Stiftungsrat sich in fünf Arbeitsgruppen (visuelle Künste, Musik, Literatur und Gesellschaft, Theater und Tanz, Interdisziplinär) teilt, welche über die Gesuche in den verschiedenen Disziplinen befinden. Sie werden dabei von den Spezialisten der Geschäftsstelle unterstützt, welche die Dossiers aufbereiten. Jeder Entscheid einer solchen Arbeitsgruppe gilt als Entscheid des gesamten Stiftungsrates (gesetzliche Kompetenzdelegation).
Die Stiftungsräte, welche sich in den Arbeitsgruppen zusammenfinden, sind Experten in ihrem Fachgebiet und wurden vom Bundesrat gewählt aufgrund ihrer Bekanntheit, ihrer Kompetenz und ihrer Erfahrung.
Der Direktor von Pro Helvetia leitet die Geschäftsstelle, diskutiert, berät, gibt Order an die Mitarbeiter. Der Direktor kann hingegen keine Entscheide fällen anstelle der Stiftungsräte, auch kann er erstere nicht gross beeinflussen, sind ihm die Stiftungsräte doch vorgesetzt. Die Zustimmungsrate von 50% ist keine Vorgabe, sie ergibt sich aus der Entscheidpraxis der fünf Arbeitsgruppen. Effektiv kann die Förderpraxis der Arbeitsgruppen nur durch Grundsatzentscheide des gesamten Stiftungsrates beeinflusst werden. Doch das ist aufwändig und zeitintensiv.
Die Funktionsweise von Pro Helvetia ist im Gesetz von 1965 geregelt. Sie hat noch immer Vorteile. Den Stiftungsrat zu leiten ist für mich zum Beispiele eine Bereicherung, weil seine Mitglieder sehr kompetent sind. Auch werden die Entscheide auf demokratische Weise gefällt.
Doch diese Struktur hat ihre Schwächen. Die offensichtlichste ist, dass es sehr schwierig ist, eine klare, einfach zu kommunizierende Förderpolitik zu entwickeln, welche den Bedürfnissen der Kulturschaffenden wie jenen der Politik entspricht. Eine solche Strategie zu entwickeln mit 25 Experten, welche die unterschiedlichsten Kulturen und Künste vertreten und häufig genug selbst kulturell produzieren, ist nahezu unmöglich.
Das ist einer der Gründe, weshalb Pro Helvetia ein neues Gesetz benötigt. Insbesondere muss das strategische Organ der Stiftung verkleinert werden, damit es kohärente Führungsinstrumente für die Stiftung entwickeln kann. Die Direktion benötigt erweiterte Management- und Entscheidkompetenzen, ohne dass sie mit dem Stiftungsrat in Konkurrenz tritt. Dafür benötigt sie qualifizierte Berater, welche sie in ihren Entscheidungen unterstützen.”

Wird der Stiftungsrat aufgrund der Kritik von Herrn Knüsel seine Vorgaben anpassen? Oder wartet man zuerst einmal auf das neue Gesetz?
“Pro Helvetia funktioniert gut und erfüllt ihre Aufgaben korrekt gemäss aktuellem Gesetz. Das künftige Gesetz wird die Stiftung tiefgreifend verändern und die Möglichkeit schaffen, eine neue Förderpolitik unter günstigeren Voraussetzungen zu entwerfen. Aber auch eine künftige Förderpolitik muss öffentlich diskutiert und verhandelt sowie mit den Kulturschaffenden verfeinert werden. Zuletzt braucht es einen Entscheid – der künftige Stiftungsrat wird dazu in der Lage sein.”

Zum Thema:
Pro Helvetia: Selbst Gegner kassieren
Kulturförderung: Wie die Quantität gefördert wird