Bühne
2. Juni 2008
400asa: Oh Schreck, eine Sozi-Party

Schon merkwürdig, was aus der Sozialdemokratie geworden ist. Die Eine umarmt für ein bisschen Gas einen Holocaust-leugnenden Staatschef, der Andere ist vor allem mit schöngeistigen Reden beschäftigt und viele Weitere haben Positionen inne, über die ein kulturblog.ch-Kommentator mal geschrieben hat: “Wenn ein Kulturbeamter mit einem Jahresgehalt von CHF 140′000.- ein ‘Werkjahr’ für CHF 10′000.- übergibt, stelle ich als Zuschauer mein Cüpli mit Ekel zur Seite.” Immerhin, Österreich geht es in dieser Hinsicht nicht besser, wie 400asa und das Theater im Bahnhof Graz in Partyschreck 08 aufzeigen. Heute war Premiere in der Gessnerallee.
Jeder Zuschauer erhält einen Audio-Guide und eine Nummer zugewiesen. Draussen, vor dem Gessnerallee, gibts synchronisiertes Theater, der Text kommt über die Kopfhörer. Dann geht’s nach drinnen, in der Halle ist ein Partyraum eingerichtet, gibt man im Audio-Guide die Nummer eines Gasts ein, so hört man, wer die Person ist bzw. sein soll. Und tatsächlich: bei den paar Journalisten an der Premiere heisst es auch, sie seien Journalisten, bei den übrigen Besuchern stimmt immerhin das Geschlecht. Was folgt ist eine endlose Party ohne Partystimmung (trotz Gratis-Vodka), bei der Sozialdemokraten parodiert werden, bei der die verordnete Freude aber ebensowenig funktioniert wie die beim Volk, das ob der Euro gefälligst euphorisch zu sein hat.
Inspiriert von Film “Partyschreck” (1968) mit Peter Sellers geht in dieser Sozi-Party alles schief, “der länderübergreifende sozialdemokratische Event während der EM wird im Geist der Komödie zerstört”, wie über den Audio-Guide erklärt wird. Und diese Komödie ist von der Realität gar nicht so weit entfernt. Selten wurde der Zustand der SP dermassen treffend aufgezeigt. Gerade jetzt, wo sich nach den Abstimmungen die Partei in Genugtuung suhlt, schlägt dieser “Partyschreck” mit besonderer Wucht ein. Ledergerber, Leuenberger & Co., ein Besuch ist Pflicht!
Nachtrag 4. Juni: Die Anfangsperformance ist jetzt auf Youtube:
Kulturminister Domin schrieb:
“Wenn ein Kulturbeamter mit einem Jahresgehalt von CHF 140′000.- ein ‘Werkjahr’ für CHF 10′000.- übergibt, stelle ich als Zuschauer mein Cüpli mit Ekel zur Seite.”
Das hat was.
Geschrieben am 4. Juni 2008 um 10:29Uhr | Permalink