Politik


Annoni: “Knüsel übernimmt die Rolle eines Provokateurs”

Nachdem Pro Helvetia Direktor Pius Knüsel die Förderpraxis der eigenen Institution kritisiert hatte, stellte ich dem Präsidenten der Pro Helvetia, Mario Annoni, per E-mail drei Fragen. Heute sind die Antworten eingetroffen, mit der Bitte, diese vollständig zu veröffentlichen und keine Kürzungen vorzunehmen. Hier sind sie:

Pius Knüsel kritisierte in letzter Zeit mehrmals das Giesskannenprinzip der Pro Helvetia und fordert stattdessen eine Elitenförderung. Was ist ihre Meinung dazu?
Mario Annoni: “Pius Knüsel hat sich in erster Linie im Rahmen des Forums Kultur und Ökonomie im April 2008 in Bern zur aktuellen Kulturförderung geäussert. Auf Wunsch der Veranstalter übernahm er die Rolle eines Provokateurs. Er lieferte eine bewusst einseitige Darstellung der aktuellen Probleme, um die Debatte in Gang zu bringen. Vom formellen Standpunkt aus gesehen hat das funktioniert.
Hinter den kritischen Anmerkungen von Pius Knüsel steckt allerdings kein Plädoyer für eine elitäre Kultur oder Kunst, wie Ihre Frage es unterstellt. Im Gegenteil, Pro Helvetia meidet die Versuchung des Elitarimus, weil der Begriff Elite häufig genug Privileg oder Privilegierung konnotiert. Wie auch, dass jene, die zur Elite gehören, es ohne weiteres Verdienst bleiben.
Dem Begriff Elite stellen wir den Begriff Talent gegenüber. Pro Helvetia praktiziert eine Förderpolitik, welche das Talent der Kulturschaffenden ins Zentrum rückt. Deshalb spricht Pius Knüsel von den Besten.
Ich habe keine grundsätzlichen Differenzen mit meinem Direktor. Wir diskutieren öfters Fragen der Kulturpolitik. Die Grundzüge dessen, was der Direktor öffentlich sagt, sind mit dem Präsidenten abgesprochen. Dagegen haben wir einige Differenzen, was die Form angeht. Pius Knüsel hat einen Hang zur Provokation, der manchmal irritiert. Doch jedem sein Stil!
Darüber hinaus ist Pius Knüsel ein ausgezeichneter Direktor mit einer beispielhaften Energie. Er erfreut sich des Vertrauens des Leitenden Ausschusses und der MitarbeiterInnen von Pro Helvetia. Die Stiftung ist gut geführt und das Arbeitsklima ausgezeichnet.”

Wie gross ist der Spielraum von Herrn Knüsel? Im Pro Helvetia Gesetz ist nicht ersichtlich, dass das Geld so breit gestreut werden muss; was unter ”Qualität” zu verstehen ist, wird dort nicht näher definiert. Ist Herr Knüsel für die von ihm angeprangerte Misere nicht auch selbst verantwortlich? Oder sind die 50% Zustimmungsrate bei der Projektförderung eine Vorgabe des Stiftungsrates?
“Um Ihre zweite Frage zu beantworten, müssen wir einen Blick auf die Organisation der Stiftung werfen. Diese ist durch das Gesetz und das Geschäftsreglement vorgegeben. Sie sieht vor, dass der Stiftungsrat sich in fünf Arbeitsgruppen (visuelle Künste, Musik, Literatur und Gesellschaft, Theater und Tanz, Interdisziplinär) teilt, welche über die Gesuche in den verschiedenen Disziplinen befinden. Sie werden dabei von den Spezialisten der Geschäftsstelle unterstützt, welche die Dossiers aufbereiten. Jeder Entscheid einer solchen Arbeitsgruppe gilt als Entscheid des gesamten Stiftungsrates (gesetzliche Kompetenzdelegation).
Die Stiftungsräte, welche sich in den Arbeitsgruppen zusammenfinden, sind Experten in ihrem Fachgebiet und wurden vom Bundesrat gewählt aufgrund ihrer Bekanntheit, ihrer Kompetenz und ihrer Erfahrung.
Der Direktor von Pro Helvetia leitet die Geschäftsstelle, diskutiert, berät, gibt Order an die Mitarbeiter. Der Direktor kann hingegen keine Entscheide fällen anstelle der Stiftungsräte, auch kann er erstere nicht gross beeinflussen, sind ihm die Stiftungsräte doch vorgesetzt. Die Zustimmungsrate von 50% ist keine Vorgabe, sie ergibt sich aus der Entscheidpraxis der fünf Arbeitsgruppen. Effektiv kann die Förderpraxis der Arbeitsgruppen nur durch Grundsatzentscheide des gesamten Stiftungsrates beeinflusst werden. Doch das ist aufwändig und zeitintensiv.
Die Funktionsweise von Pro Helvetia ist im Gesetz von 1965 geregelt. Sie hat noch immer Vorteile. Den Stiftungsrat zu leiten ist für mich zum Beispiele eine Bereicherung, weil seine Mitglieder sehr kompetent sind. Auch werden die Entscheide auf demokratische Weise gefällt.
Doch diese Struktur hat ihre Schwächen. Die offensichtlichste ist, dass es sehr schwierig ist, eine klare, einfach zu kommunizierende Förderpolitik zu entwickeln, welche den Bedürfnissen der Kulturschaffenden wie jenen der Politik entspricht. Eine solche Strategie zu entwickeln mit 25 Experten, welche die unterschiedlichsten Kulturen und Künste vertreten und häufig genug selbst kulturell produzieren, ist nahezu unmöglich.
Das ist einer der Gründe, weshalb Pro Helvetia ein neues Gesetz benötigt. Insbesondere muss das strategische Organ der Stiftung verkleinert werden, damit es kohärente Führungsinstrumente für die Stiftung entwickeln kann. Die Direktion benötigt erweiterte Management- und Entscheidkompetenzen, ohne dass sie mit dem Stiftungsrat in Konkurrenz tritt. Dafür benötigt sie qualifizierte Berater, welche sie in ihren Entscheidungen unterstützen.”

Wird der Stiftungsrat aufgrund der Kritik von Herrn Knüsel seine Vorgaben anpassen? Oder wartet man zuerst einmal auf das neue Gesetz?
“Pro Helvetia funktioniert gut und erfüllt ihre Aufgaben korrekt gemäss aktuellem Gesetz. Das künftige Gesetz wird die Stiftung tiefgreifend verändern und die Möglichkeit schaffen, eine neue Förderpolitik unter günstigeren Voraussetzungen zu entwerfen. Aber auch eine künftige Förderpolitik muss öffentlich diskutiert und verhandelt sowie mit den Kulturschaffenden verfeinert werden. Zuletzt braucht es einen Entscheid – der künftige Stiftungsrat wird dazu in der Lage sein.”

Zum Thema:
Pro Helvetia: Selbst Gegner kassieren
Kulturförderung: Wie die Quantität gefördert wird

Kommentare (3) zu “Annoni: “Knüsel übernimmt die Rolle eines Provokateurs””

  1. philipp meier schrieb:

    verstehe ich das richtig? pius knüsel hat null einfluss auf die geldverteilung? kann er wenigstens geografische und/oder thematische schwerpunkte setzen?

  2. Provokatör schrieb:

    Das ist doch der, der anno dazumal Couchepins Casting «ehemaliger Exekutivpolitiker ohne Job sucht ebensolchen?» gewonnen hat?
    A propos: wann ist eigentlich die nächste Kleinkunstbörse in Thun, man könnte doch von denen ein paar nach China schicken…

  3. Claudio schrieb:

    Ein sehr interessantes Mail-Interview, das Sie uns hier zu lesen geben, herzlichen Dank!