Bühne


Alles Theater: Callcenter in Kalkutta

Ich betrete ein Büro im dritten Stock des Ringier Pressehauses, alleine. Das Telefon klingelt, am Apparat meldet sich ein Mann Names Dicky Banerjee, angeblich aus einem Callcenter in Kalkutta, Indien. Ich solle die Schuhe ausziehen und es mir auf dem Sofa gemütlich machen.
“Soll ich Ihnen einen Tee zubereiten?”, fragt der freundliche Herr auf Englisch mit indischem Akzent. Das Lämpchen beim Wasserkocher in der Ecke beginnt zu leuchten, ich könne mir den Tee nun eingiessen. “Musik gefällig?” Ja, klar — und aus der Stereoanlage erklingt indische Musik. Dicky fragt mich aus, Private Dinge, ob ich verheiratet sei, glücklich. Auch er erzählt munter aus seinem Privatleben. Er sagt, ich solle zum Drucker gehen. Und tatsächlich, ein Bild von ihm kommt heraus. Später, vor dem Computer am Bürotisch dann der endgültige Beweis, wir sehen einander per Webcam, reden angeregt miteinander. Er hat alles in dem Zürcher Büro unter Kontrolle: das Licht, den Computer, die Stereoanlage.
Er erzählt von den Arbeit im Callcenter. In einem Sprachtraining lernen die Angestellten den britischen und US-Akzent, damit die Angerufenen nicht merken, dass von Indien aus telefoniert wird. “Eine grosse Bühne ist das, ein Theater.” — “Denken das die normalen Mitarbeiter auch?”, frage ich – “Nein, der Druck ist gross, die Arbeitsbedingungen streng, Zeit für Reflexion hat hier kaum jemand.” Wieder kommen Zweifel, ob denn er wirklich ein echter Call-Center-Mitarbeiter sei oder bloss ein Schauspieler. Doch eigentlich ist das egal. Die Wirkung ist die gleiche: ob jemand in Indien oder in der Schweiz sitzt, kommt nicht mehr draufan im globalisierten Datenstrom. Irgendwann erscheint der Countdown auf dem Bildschirm, noch fünf Minuten — dann ist Schluss. Schade, ich hätte gerne noch lange mit Dicky gesplaudert – in den 50 Minuten haben wir uns doch ein bisschen kennen und schätzen gelernt.
Call Cutta in a Box heisst diese Produktion von Rimini-Protokoll, das Schauspielhaus hat sie nach Zürich gebracht. Wie die Distanz durch moderne Kommunikationsmittel völlig aufgehoben wird, erinnert an die “Expedition an den Rand der Welt” von Schauplatz International (Live-Kritik hier), nur ist Call Cutta in a Box intimer, ein Theater für eine Person. Zu erleben ist es noch bis zum 29. Juni. Nicht verpassen!

Zum Thema:
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Kommentare (5) zu “Alles Theater: Callcenter in Kalkutta”

  1. Pavel schrieb:

    Hast Du gesungen, Rico? Hätte ich so gerne gehört ;-) Call Cutta fand ich auch sehr eindrücklich und denke auch jetzt noch oft an “Amritendrani Banerjee” (meine Gesprächspartnerin) zurück, was nicht zuletzt daran liegt, dass das Kalkutter Mundpulver, das man bekommt, in meiner Tasche ausgelaufen ist und einen penetranten Geruch hinterlassen hat…

  2. philipp meier schrieb:

    @pavel: danke für deinen kommentar. hätte sonst diesen eintrag von rb verpasst. das ist wirklich grosses theater (auch wenn ich /noch/ nicht da war). es ist einfach haarsträubend, dass es nicht mehr solche produktionen gibt. in welcher welt leben wir denn hier in zürich, wenn immer noch mehr als 95% aller theaterproduktionen guckkastenfixiert sind…? google soll übrigens in zürich stationiert sein. «guugel?», höre ich die theaterleute fragen. ich verstehe langsam was andere meinen, wenn sie «das gute alte europa» sagen…

  3. rb schrieb:

    @Pavel: Nein, ich habe nicht gesungen, sondern dem freundlichen Dicky Banerjee von dem eindrücklichsten Erlebnis in meinem Leben erzählt (man hatte die Wahl). Durch die Distanz ist zwischen uns eine Nähe entstanden — ich hab dem Dinge erzählt, die ich sonst nur Freunden anvertraue…
    @Philipp Meier: In Sachen Guckkastentheater sind die meisten Amerikaner nicht besser, das Theater in den USA ist zum grossen Teil noch konservativer als hier. Dies soll aber die 95 prozentige Guckkastenfixiertheit hierzulande keinesfalls rechtfertigen oder schönreden…

  4. fastkultur schrieb:

    @phillipp: weiss nicht warum du ständig am theater-guckkasten herummoserst; der ist viel grösser und tiefer als dein mac-bildschirm! und der content oft auch.

  5. philipp meier schrieb:

    @fastkultur: eieiei…, und du hast wirklich das gefühl, mein leben spielt sich im mac-bildschirm ab. hallo?! es gibt ausserhalb von guckkästen (und computerbildschirmen) noch millionen anderer räume. ist das so schwer zu begreifen? für theaterleute vielleicht schon…;)