Es war eine der stärksten Kunstaktionen des letzten Jahres, als von verschiedenen Kirchtürmen plötzlich der Muezzin zum Gebet rief. Der Künstler Johannes Gees hatte im Auftrag von agent-provocateur.ch die Lautsprecher heimlich auf den Türmen des Zürcher Grossmünsters, des Berner Münsters oder der Klosterkirche Einsiedeln versteckt und zur Gebetszeit rufen lassen (Filme dazu hier und hier).
Jetzt macht Gees die Aktion museumstauglich. Die Originallautsprecher sind zurzeit in der Kunsthaus-Ausstellung “Shifting Identities“ vor einem Panorama religöser Gemälde und Skulpturen aus dem 16. und 17. Jahrhundert aufgestellt. Aus dem Lautsprecher ertönt ein Mix aus einem Ruf des Muezzin und einem innerschweizer Sennen-Betruf.
Hier “Salat #2″ von Johannes Gees (für den Ton auf den kleinen Pfeil unten klicken):
Am Schluss kommen Direktor Wolfgang Reiter (rechts) und Chefdramaturg Dietmar Seiler mit Kochschürze rein, stellen mit den Schauspielern Tische und Bänke auf, stehen hinter den Grill und beginnen zu kochen. Alle Gäste Tafeln zusammen mit dem Neumarkt-Team. Sogar der Zürcher Kulturchef Jean-Pierre Hoby setzte sich zu Tisch, zwar half er nicht wie die andern Gäste beim Zubereiten mit, dennoch kann seine Anwesenheit als positives Signal zum Ende der Intendanz von Wolfgang Reiter gewertet werden — nach all den Turbulenzen ist dies nicht selbstverständlich.
Zuvor sah man eine Wortcollage bzw. eine Installation mit Texten aus Roland Barthes “Fragmente einer Sprache der Liebe”. Bei der gefängnisartigen Anordnung ist nie ganz klar, was drinnen und was draussen ist. Die Zuschauer bewegen sich, sind Teil der Installation, der Raum wird vollständig ausgenutzt. Mit der Pianobegleitung wird diese Abschlussproduktion zu einem stimmungsvollen Erlebnis – bei der aber ganz im Stil von Wolfgang Reiters bisherigen Intendanz der Fokus beim Text bleibt.
Falls dieser Bericht etwas gar wirr daher kommen soll, so liegt das am guten Wein der zum Essen serviert wird. Jedenfalls: so behält man die die Ära Reiter gerne in Erinnerung.
Die Art Basel eröffnet heute, auf kulturblog.ch gibt’s bereits einen Rundgang durch die weltweit grösste Ansammlung teurer Kunst:
Echte Kunst? Nein, echter Abfall vor der Messehalle. Die Putzkolonne ist aber schon im Anmarsch. Im Hintergrund das Glaskunstwerk “Rectangle Inside 3/4 Cylinder” von Dan Graham.
Schon merkwürdig, was aus der Sozialdemokratie geworden ist. Die Eine umarmt für ein bisschen Gas einen Holocaust-leugnenden Staatschef, der Andere ist vor allem mit schöngeistigen Reden beschäftigt und viele Weitere haben Positionen inne, über die ein kulturblog.ch-Kommentator mal geschrieben hat: “Wenn ein Kulturbeamter mit einem Jahresgehalt von CHF 140′000.- ein ‘Werkjahr’ für CHF 10′000.- übergibt, stelle ich als Zuschauer mein Cüpli mit Ekel zur Seite.” Immerhin, Österreich geht es in dieser Hinsicht nicht besser, wie 400asa und das Theater im Bahnhof Graz in Partyschreck 08 aufzeigen. Heute war Premiere in der Gessnerallee.
Jeder Zuschauer erhält einen Audio-Guide und eine Nummer zugewiesen. Draussen, vor dem Gessnerallee, gibts synchronisiertes Theater, der Text kommt über die Kopfhörer. Dann geht’s nach drinnen, in der Halle ist ein Partyraum eingerichtet, gibt man im Audio-Guide die Nummer eines Gasts ein, so hört man, wer die Person ist bzw. sein soll. Und tatsächlich: bei den paar Journalisten an der Premiere heisst es auch, sie seien Journalisten, bei den übrigen Besuchern stimmt immerhin das Geschlecht. Was folgt ist eine endlose Party ohne Partystimmung (trotz Gratis-Vodka), bei der Sozialdemokraten parodiert werden, bei der die verordnete Freude aber ebensowenig funktioniert wie die beim Volk, das ob der Euro gefälligst euphorisch zu sein hat.
Inspiriert von Film “Partyschreck” (1968) mit Peter Sellers geht in dieser Sozi-Party alles schief, “der länderübergreifende sozialdemokratische Event während der EM wird im Geist der Komödie zerstört”, wie über den Audio-Guide erklärt wird. Und diese Komödie ist von der Realität gar nicht so weit entfernt. Selten wurde der Zustand der SP dermassen treffend aufgezeigt. Gerade jetzt, wo sich nach den Abstimmungen die Partei in Genugtuung suhlt, schlägt dieser “Partyschreck” mit besonderer Wucht ein. Ledergerber, Leuenberger & Co., ein Besuch ist Pflicht!
Nachtrag 4. Juni: Die Anfangsperformance ist jetzt auf Youtube:
Marc Baumann arbeitet an Ticketzentrale für Zürich
Der frühere kaufmännische Leiter des Schauspielhauses, Marc Baumann, hat eine eigene Firma gegründet, wie dem Handelsregister zu entnehmen ist: die “Marc Baumann — Management & Consulting”. Der Start der Firma ist gesichert: Bei seinem Abgang letzten Herbst erhielt er u.a. die Zusicherung, dass er als Berater für mindestens 80′000 Franken Aufträge von der Stadt erhalten wird.
Wie man hört, sei das erste Projekt der “Marc Baumann — Management & Consulting” eine neue Lösung für die Billettzentralle (BiZZ) zu finden. Im Gespräch für eine neue Verkaufsstelle steht der 1. Stock im Warenhaus Globus. Ebenso arbeite er an einer zentralen Ticketlösung für alle Zürcher Kulturhäuser. Schwieriger als eine technische Lösung zu finden wird es wohl sein, die Kulturhäuser überzeugen zu können, die Kontrolle über ihren Kartenverkauf aus den Händen zu geben.