Sonstiges
9. Oktober 2008
Nobelpreis — Journalistenpech
Gewisse Ereignisse kann man auf der Redaktion gut im Voraus planen, zum Beispiel die Verleihung des Nobelpreises. Man geht die Liste der Anwärter durch, überlegt sich bei jedem, was man bei ihm schreiben würde, beziehungsweise, mit welchem Experten man über den jeweiligen Autoren sprechen könnte.
Das wurde alles gemacht, die Experten im Voraus avisiert, schliesslich möchte man sie im Falle des Falles möglichst rasch am Apparat haben. Über den meistgenannten Favoriten, den Italiener Claudio Magris ist das Interview bereits geführt, der Kabarettist Massimo Rocchi war des Lobes voll für den Autoren.
Aber bekanntlich kam alles anders. Um 13 Uhr hiess es: «Der Nobelpreis geht an Jean-Marie Gustave Le Clézio.» – «Hä? An wen?», so die erste Reaktion. Was jetzt? Ein Anruf an Andreas Isenschmid nach Berlin. Er könne nichts dazu sagen, er habe erst ein Buch von Le Clézio gelesen. Versuchen wir’s doch mal mit dem Romanischen Seminar der Uni Zürich. Fehlanzeige, die Professoren seien alle nicht da, so die Sekretärin. Beim Institut für Französische Literatur in Bern ist die Professorin freudig überrascht über den Anruf, sie hatte noch nichts von der Preisbekanntgabe gehört. Etwas sagen könne sie aber nicht, sie müsse gleich in eine Vorlesung. Dafür empfiehlt sie, einen Professor in Neuenburg anzurufen. Der besagte Professor fühlt sich aber nicht befugt, er sei auf das 19. Jahrhundert spezialisiert. Beim Verlag Kiepenheuer & Witsch, wo die Bücher des Nobelpreisträgers auf Deutsch herauskommen, ist man total überrumpelt, Auskunft könne man frühestens am späteren Nachmittag geben — zu spät für einen Online-Redaktor. Nächster Versuch: Die zwei französischsprachigen Buchhandlungen in Zürich. Doch bei beiden können die auf Literatur spezialisierten Buchhändler nicht mehr sagen als: «Doch doch, wir habe Le Clézio im Angebot, er verkauft sich nicht so schlecht.»
Na ja, schreibt man halt sonst was, nachzulesen unter dem Titel Kaum jemand kennt den Nobelpreisträger. Immerhin, das Interview mit Massimo Rocchi ist für das nächste Jahr bereits im Kasten.