Bühne


Alles Theater: Callcenter in Kalkutta

Ich betrete ein Büro im dritten Stock des Ringier Pressehauses, alleine. Das Telefon klingelt, am Apparat meldet sich ein Mann Names Dicky Banerjee, angeblich aus einem Callcenter in Kalkutta, Indien. Ich solle die Schuhe ausziehen und es mir auf dem Sofa gemütlich machen.
“Soll ich Ihnen einen Tee zubereiten?”, fragt der freundliche Herr auf Englisch mit indischem Akzent. Das Lämpchen beim Wasserkocher in der Ecke beginnt zu leuchten, ich könne mir den Tee nun eingiessen. “Musik gefällig?” Ja, klar — und aus der Stereoanlage erklingt indische Musik. Dicky fragt mich aus, Private Dinge, ob ich verheiratet sei, glücklich. Auch er erzählt munter aus seinem Privatleben. Er sagt, ich solle zum Drucker gehen. Und tatsächlich, ein Bild von ihm kommt heraus. Später, vor dem Computer am Bürotisch dann der endgültige Beweis, wir sehen einander per Webcam, reden angeregt miteinander. Er hat alles in dem Zürcher Büro unter Kontrolle: das Licht, den Computer, die Stereoanlage.
Er erzählt von den Arbeit im Callcenter. In einem Sprachtraining lernen die Angestellten den britischen und US-Akzent, damit die Angerufenen nicht merken, dass von Indien aus telefoniert wird. “Eine grosse Bühne ist das, ein Theater.” — “Denken das die normalen Mitarbeiter auch?”, frage ich – “Nein, der Druck ist gross, die Arbeitsbedingungen streng, Zeit für Reflexion hat hier kaum jemand.” Wieder kommen Zweifel, ob denn er wirklich ein echter Call-Center-Mitarbeiter sei oder bloss ein Schauspieler. Doch eigentlich ist das egal. Die Wirkung ist die gleiche: ob jemand in Indien oder in der Schweiz sitzt, kommt nicht mehr draufan im globalisierten Datenstrom. Irgendwann erscheint der Countdown auf dem Bildschirm, noch fünf Minuten — dann ist Schluss. Schade, ich hätte gerne noch lange mit Dicky gesplaudert – in den 50 Minuten haben wir uns doch ein bisschen kennen und schätzen gelernt.
Call Cutta in a Box heisst diese Produktion von Rimini-Protokoll, das Schauspielhaus hat sie nach Zürich gebracht. Wie die Distanz durch moderne Kommunikationsmittel völlig aufgehoben wird, erinnert an die “Expedition an den Rand der Welt” von Schauplatz International (Live-Kritik hier), nur ist Call Cutta in a Box intimer, ein Theater für eine Person. Zu erleben ist es noch bis zum 29. Juni. Nicht verpassen!

Zum Thema:
Rimini Protokoll mach Dürrenmatt-Nostaligie
Karl Marx auf der Bühne

Bühne


Neumarkt: Abschluss mit Liebe

 
Am Schluss kommen Direktor Wolfgang Reiter (rechts) und Chefdramaturg Dietmar Seiler mit Kochschürze rein, stellen mit den Schauspielern Tische und Bänke auf, stehen hinter den Grill und beginnen zu kochen. Alle Gäste Tafeln zusammen mit dem Neumarkt-Team. Sogar der Zürcher Kulturchef Jean-Pierre Hoby setzte sich zu Tisch, zwar half er nicht wie die andern Gäste beim Zubereiten mit, dennoch kann seine Anwesenheit als positives Signal zum Ende der Intendanz von Wolfgang Reiter gewertet werden — nach all den Turbulenzen ist dies nicht selbstverständlich.
Zuvor sah man eine Wortcollage bzw. eine Installation mit Texten aus Roland Barthes “Fragmente einer Sprache der Liebe”. Bei der gefängnisartigen Anordnung ist nie ganz klar, was drinnen und was draussen ist. Die Zuschauer bewegen sich, sind Teil der Installation, der Raum wird vollständig ausgenutzt. Mit der Pianobegleitung wird diese Abschlussproduktion zu einem stimmungsvollen Erlebnis – bei der aber ganz im Stil von Wolfgang Reiters bisherigen Intendanz der Fokus beim Text bleibt.
Falls dieser Bericht etwas gar wirr daher kommen soll, so liegt das am guten Wein der zum Essen serviert wird. Jedenfalls: so behält man die die Ära Reiter gerne in Erinnerung.

Bühne


400asa: Oh Schreck, eine Sozi-Party

Foto 400asa
Schon merkwürdig, was aus der Sozialdemokratie geworden ist. Die Eine umarmt für ein bisschen Gas einen Holocaust-leugnenden Staatschef, der Andere ist vor allem mit schöngeistigen Reden beschäftigt und viele Weitere haben Positionen inne, über die ein kulturblog.ch-Kommentator mal geschrieben hat: “Wenn ein Kulturbeamter mit einem Jahresgehalt von CHF 140′000.- ein ‘Werkjahr’ für CHF 10′000.- übergibt, stelle ich als Zuschauer mein Cüpli mit Ekel zur Seite.” Immerhin, Österreich geht es in dieser Hinsicht nicht besser, wie 400asa und das Theater im Bahnhof Graz in Partyschreck 08 aufzeigen. Heute war Premiere in der Gessnerallee.
Jeder Zuschauer erhält einen Audio-Guide und eine Nummer zugewiesen. Draussen, vor dem Gessnerallee, gibts synchronisiertes Theater, der Text kommt über die Kopfhörer. Dann geht’s nach drinnen, in der Halle ist ein Partyraum eingerichtet, gibt man im Audio-Guide die Nummer eines Gasts ein, so hört man, wer die Person ist bzw. sein soll. Und tatsächlich: bei den paar Journalisten an der Premiere heisst es auch, sie seien Journalisten, bei den übrigen Besuchern stimmt immerhin das Geschlecht. Was folgt ist eine endlose Party ohne Partystimmung (trotz Gratis-Vodka), bei der Sozialdemokraten parodiert werden, bei der die verordnete Freude aber ebensowenig funktioniert wie die beim Volk, das ob der Euro gefälligst euphorisch zu sein hat.
Inspiriert von Film “Partyschreck” (1968) mit Peter Sellers geht in dieser Sozi-Party alles schief, “der länderübergreifende sozialdemokratische Event während der EM wird im Geist der Komödie zerstört”, wie über den Audio-Guide erklärt wird. Und diese Komödie ist von der Realität gar nicht so weit entfernt. Selten wurde der Zustand der SP dermassen treffend aufgezeigt. Gerade jetzt, wo sich nach den Abstimmungen die Partei in Genugtuung suhlt, schlägt dieser “Partyschreck” mit besonderer Wucht ein. Ledergerber, Leuenberger & Co., ein Besuch ist Pflicht!

Nachtrag 4. Juni: Die Anfangsperformance ist jetzt auf Youtube:

Bühne, Politik


Marc Baumann arbeitet an Ticketzentrale für Zürich

Der frühere kaufmännische Leiter des Schauspielhauses, Marc Baumann, hat eine eigene Firma gegründet, wie dem Handelsregister zu entnehmen ist: die “Marc Baumann — Management & Consulting”. Der Start der Firma ist gesichert: Bei seinem Abgang letzten Herbst erhielt er u.a. die Zusicherung, dass er als Berater für mindestens 80′000 Franken Aufträge von der Stadt erhalten wird.
Wie man hört, sei das erste Projekt der “Marc Baumann — Management & Consulting” eine neue Lösung für die Billettzentralle (BiZZ) zu finden. Im Gespräch für eine neue Verkaufsstelle steht der 1. Stock im Warenhaus Globus. Ebenso arbeite er an einer zentralen Ticketlösung für alle Zürcher Kulturhäuser. Schwieriger als eine technische Lösung zu finden wird es wohl sein, die Kulturhäuser überzeugen zu können, die Kontrolle über ihren Kartenverkauf aus den Händen zu geben.

Bühne


A Clockwork Orange: Die Jörg Pohl Show

Foto Leonard Zubler
Sonst ist er immer so etwas wie ein braver Internatsschüler, jetzt darf Jörg Pohl endlich mal so richtig den Bösen spielen — und läuft dabei zu Höchstform auf. “A Clockwork Orange” im Schiffbau wird zur “Jörg Pohl Show”: kraftvoll, rockig, rasant.
Nun gut, einen Stoff auszuwählen, der Stanley Kubrick schon meisterhaft umgesetzt hat, mutet tollkühn an. Und tatsächlich: hat man das Buch von Anthony Burgess und/oder den Film im Hinterkopf, so fällt vor allem auf, was alles weggelassen werden musste. Anstatt nur einen Ausschnitt aus dem Buch herauszugreifen, versucht Regisseur David Bösch die gesamte Geschichte auf die Bühne zu bringen. Durch die vielen Weglassungen geht’s dabei ab und zu etwas gar schnell voran.
Die Kultivierung und Ästhetisierung der Gewalt kommt auf der Theaterbühne wenig zum Tragen; auf durchchoreographierte Kämpfe mit Beethoven-Untermalung wird verzichtet. Dafür wird gerockt — und wie! Alle Darsteller greifen auch zu Instrumenten. Zwar wirkt das irgendwie altbacken (rocken heutige Jugendliche eigentlich noch?), doch mitreissend ist das allemal.
Der Applaus heute an der Premiere war so stark wie selten in dieser Schauspielhaus-Saison. Dies lag vor allem an der starken Leistung von Jörg Pohl, diese Rolle könnte ihm endgültig zum Durchbruch verhelfen. Was hinter den lauten Klängen fast vergessen geht: Was da über Jugend und Gewalt erzählt wird, das liest man heute genau so täglich in den Zeitungen, die Buchvorlage stammt aber von 1962.

Bühne, Sonstiges


Peter Tate: Der Künstler dahinter

Screenshot SF
Gestern beehrte Peter Tate Pippilotti Rists St. Galler Stadtlounge mit seiner Musik-Einlage, Viktor Giocobbo schlägt ihn als nächsten Eurovisions-Sänger für die Schweiz vor — gar nicht so schlecht der Vorschlag, Stefan Raab hats auf ähnliche Weise auch schon dorthin geschafft.
Wer ist dieser Peter Tate? Von allen Seiten wird er hochgelobt, er hat auch schon einen eigenen Fan-Blog. Der Tages Anzeiger scheiterte kürzlich damit, seine wahre Herkunft zu enttarnen, dabei ist Peter Tate alias Phil Hayes in der Freien Theaterszene kein Unbekannter. Er tritt öfters als Performer auf, in letzter Zeit u.a. mit Mass&Fieber oder Salome Schneebeli; letztes Jahr überzeugte er im Fabriktheater mit der Soloperformance “The first cut”. 2003 arbeitete er in “Bad Hotel” im Theaterhaus Gessnerallee auch mit Mike Müller zusammen, soviel zum Thema, Giacobbo habe ihn an einer Hochzeit entdeckt.
Vom TV-Ruhm möchte er offenbar nicht profitieren, seine Homepage, www.philhayes.ch, funktioniert nicht und auch sonst tritt die Figur Peter Tate ausserhalb von Giacobbo/Müller nirgends in Erscheinung. Im November hat Hayes mit einer neuen Soloperformance Premiere in der Gessnerallee; mal schauen, ober er es dann noch schaffen wird, sich die Klatschpresse vom Hals zu halten.

Zum Thema:
Giacobbo/Müller: In den Laptop geguckt

Bühne


Andreas Thiel: Alles gewonnen, was jetzt?

In der Schweiz gibt es drei bedeutende Kabarettpreise, und bei der Grösse des Landes erhält im Verlaufe seines Lebens jeder Schweizer Kabarettist jeden dieser Preise in der Regel ein Mal. Andreas Thiel hat bereits mit 37 Jahren all diese Preise erhalten: den Schweizer Preis des “Salzburger Stiers” 1999, den “Goldenen Thunfisch” 2004, den “Cornichon” darf er dieses Wochenende an den Oltner Kabaretttagen entgegennehmen. Jetzt heisst’s für Thiel: warten. Bis die “Ehrungen fürs Lebenswerk” Einzug halten, dauerts noch mindestens 20 Jahre.

Zum Thema:
Andreas Thiel: Moslems sind schwul

Bühne


Neue Köpfe im Theater am Neumarkt

Mit dem Direktionswechsel im Theater am Neumarkt Ende der Spielzeit verlassen sämtliche administrativen und künstlerischen Mitarbeiter das Haus. Nur die Techniker und die Leute der Billettkasse bleiben. 
Langsam sickert durch, wer im neuen Team sein wird. Esther Widmer, bisher Geschäftsführerin des Kinder- und Jugendtheaterverbandes astej, wird kaufmännische Leiterin und löst den geschassten Kurt Scheidegger ab. Eine der zwei Dramaturgenstellen übernimmt Martin Bieri, zurzeit im Fabriktheater mit Schauplatz International im Einsatz (siehe Live-Theaterkritik). Bieri, radikal im Denken, ist der richtige Mann für eine starke Profilierung des Hauses, er dürfte in der Truppe von Rafael Sanchez und Barbara Weber eine gewichtige Rolle spielen. Schon einmal war er im Theater am Neumarkt zu sehen, in der ersten Spielzeit von Wolfgang Reiter erarbeitete Schauplatz International mit dem Neumarkt-Ensemble ein Projekt. Die Gruppe machte sich damals bei einem Teil des Neumarkt-Teams unbeliebt, weil sie auf der Bühne die Löhne sämtlicher Neumarkt-Mitarbeiter ausplauderte.

Bühne


Absolut Züri: Ganz Soap

Glück und Leid, Geldsegen und Pleite – alles liegt ganz nah beieinander in der zweitletzten Folge von Absolut Züri. Genau so, wie es bei einer Soap sein muss. Emotionen und Pointen folgen Schlag auf Schlag, alles aalglatt und unterhaltsam; im Gegensatz zu einigen Folgen zuvor wird auf theatrale Mittel wie Wiederholungen, Zeitsprünge oder Verfremdungen fast vollständig verzichtet.
Zum zweiten Mal hat Alexander Seibt den Text geschrieben, nachdem bei seinem ersten Versuch der Trübsal noch vorherrschte, hat er diesmal genregerecht die emotionalen Hochs und Tiefs ausgeglichen verteilt. Einige seiner Textpassagen, zum Beispiel wenn Helena mit einem jungen Schwulen über Eisprünge spricht, sind brillant. Andreas Storms Regie bleibt konventionell, solides Handwerk.
Der Spielort, das Migros Restaurant am Limmatplatz, drängt sich keineswegs auf, die Handlung spielt in einem Spital. Sehr gut macht sich hingegen der Gaststar: Die Bernerin Birgit Steinegger als Ärztin passt hervorragend zu Absolut Züri (oder Absolut Züri zu ihr), mit ihrer schnippischen Art wickelt sie jeden noch so coolen Techno-Typen um den Finger.
Noch ein Hinweis: Am 31. Mai gibts alle 8 Absolut Züri Folgen in einem 12-Stunden-Theatermarathon in der Toni-Molkerei zu sehen.

Bühne


Live-Theaterkritik: Schauplatz International im Fabriktheater

In wenigen Minuten gehts los mit der “Dritten Expedition an den Rand der Welt” von Schauplatz International.
Um der Live-Kritik zu folgen, ist es nötig, die Seite alle paar Minuten zu aktualisieren; am einfachsten geht das, indem man auf den Aktualisieren-Knopf klickt, je nach Browser sieht er so picto1.jpg oder so picto2.jpg aus.
Damit übergebe ich an Katja Grawinkel, der Live-Theaterkritikerin von heute Abend:

20:06 eine Leinwand, opulentes Technikpult, Videokamera mit allem drum und dran. so weit nichts neues auf theater-bühnen heutzutage…

20:08 Dann kommt eine Botin in Ledersandalen, bringt eine DVD und wir sehen – ja wen? Vier Schweizer unterhalten sich in gebrochenem Englisch über einen ominösen Forscher, ein baby schreit im Hintergrund.
Worum geht es also? Das wissen diese vier selbst noch nicht, sie streiten noch.

20:10 Percy Forcett. Darum geht es hier. Seine Expedition ins Amazonas-Gebiet, inzwischen Legende. UNd dieser Percy, den kennen wir nur aus dem Roman seines Sohnes (Wahrheitsgehalt ca. 10 Prozent, großzügig geschätzt). Alle, die sich aufgemacht haben, seinen Spuren zu folgen, sind gescheitert, gestorben und schlimmeres… die einzigen, die sich heute noch für ihn interessieren sind Esoteriker einer Bruderschaft – und die Expediteure von Schauplatz International…

20:14 Ah, wir sind hier doch im Theater. Eine Leseprobe? Das Stück: eines über Percy Forcett und den Rand der Welt. Geschnallt.

20:17 Spaß macht jetzt schon, dass das fancy Englisch ab und zu immer wieder dem Deutschen weichen muss, dass der Techniker im Video (“you stay here”) neben der Leinwand im Halbdunkel sitzt… und dass das Stück nicht gespielt werden kann. Irgendwie muss das ganze mehr “real” werden, man macht sich auf den Weg und der Film ist zu Ende…

20:20 Dafür kommen jetzt SMS – irgendiwe meditativ: dunkle Stille und ab und zu ein sanftes Handy-Piepen, Botschaften woher? vom Rand der Welt…

20:22 Wenn nichts passiert, prangt Percy Fawcett als Handy-Hintergrundbild auf der Leinwand – und es passiert länger nichts, dann summt das Telefon wieder: wir lesen vom Dschungel unterm Glasdach am Zürichberg, von Webcams am See (der Rand der Welt ist online, so wie meine Kritik), von Esprit und von Regie-Fehlern… Also doch wieder Theater…

20:26 was mich umtreibt, ist diese Stille hier. Es passiert so wenig. Großer Medienrummel klar, das Handy an den beamer angeschlossen, Nachrichten senden, empfangen, Bilder und Text (dazwischen muss man mich überlaut tippen hören), aber dabei ist es völlig still… Theater ohne Schauspieler, ohne gesprochenen Text, ohne Bühnenbild kann anscheinend trotzdem faszinieren – mich haben sie auf jeden Fall gekriegt mit ihrem Rätsel-Raten über den Rand der Welt

20:29 ein pixeliges Filmchen über die “white brotherhood”, die esoterischen Anhänger von Percy Fawcett. Die zeit, die wir mit dem Zuhören und Anschauen der bewegten Bilder verbringen, ist nicht halb so greifbar wie die Zeit des Lesens der SMS-Botschaften. Albert, Annalisa a.k.a. Jane und Lars schreiben ganz schön viel, wo sie sich eigentlich befinden, ist schwer zu sagen…

20:33 In Reihen neben- und hintereinander in einem dunklen Raum zu sitzen und auf eine Leinwand zu schauen, ist ja nun wirklich keine situation, mit der man nicht vetraut wäre. Warum ist das dann so intensiv?

20:34 und noch was: hier erscheinen in einer Tour nachrichten, in denen alles ganz real und super-echt, (ehrlich) geschildert wird, Aber woher wissen wir eigentlich, dass das nicht eine Power-Point-Präsentation ist, die schon vor Wochen vorbereitet wurde? Und der Techniker da unten, der schreibt und liest vielleicht gar keine SMS, der tut vielleicht nur so. Vielleicht ist das ein Statist…

20:36 Vielleicht ist das aber auch großartiges Theater, das irgendwie gar keins ist und trotzdem am laufenden Band Theaterkategorien hinterfragt…

20:38 Huch, mal wieder bewegte Bilder. Indianer von dem Stamm, der angeblich Percy Fawcett getötet hat. Das Video ist kaum zu erkennen, auch weniger interessant, aber am Ende rückt kurz die Kamera ins Bild, alles wieder überaus echt. Das Medium reflektiert sich selbst und so… geht das beim theater auch? Ich habe heute Abend schon den Eindruck.

20:40 “Ich wär so gern bei euch” schreibt unser Techniker seinen Kollegen und geht…

… und kommt wieder.
20:41 Licht an, da sind wir plötzlich alle, wie im Kino, wenn beim Abspann das licht wieder angeht, nur ohne Musik. Dafür sitzen da vorne auf einmal viel mehr Leute, als man gedacht hätte, drei Mädels da wo die Bühne sein könnte, und Lesen…

20:44 dieses Lesen, das machen wir alle gemeinsam. Aber schreibt Annalisa alias Jane etwas vom Feuer machen und da vorne holt tatsächlich einer Holz aus einem Eimer (wie sie geschrieben hat) und fängt an, Feuer zu machen… echt.

20:46 hinten auf der Leinwand gibt es jetzt ein bild von annalisa und vorne ein Feuerzeug. Und auch die anderen setzen Stellvertreter ein, geben Anweisungen vom Rand der Welt. Bühnentechnik kommt zum Einsatz, Simulation der Morgensonne beim Aufgewecktwerden am Rand der Welt… Alle, die sich bisher gefragt haben, was das hier für ein theaterstück sein soll, können jetzt aufatmen: da sind Leute, die was spielen!

20:49 Regie-Anweisungen vom Rand der Welt, per SMS. Und es funktioniert, ein Kajak wird durch den Zuschauerraum geschleppt…

20:50 echte schwitzende Körper, ein schmutziges Kajak, direkt vor unseren Augen und der Techniker schreibt immer noch, er wäre lieber dabei, da am Rand der Welt, wo alles echt und real ist und nicht nur Theater…

20:51 würd mich gar nicht wundern, wenn mein Handy gleich auch klingelt (aber das habe ich brav vor der Vorstellung ausgemacht). Die da unten werden jetzt jedenfalls angerufen und telefonieren (oder spielen sie das nur) mit den Expediteuren. Sie erhalten immr noch Anweisungen, das hoffe ich zumindest, warum sollten sie sonst auf einmal wie wild herumlaufen und springen und schreien…?

20:55 da ist schon wieder Percy Fawcett auf der leinwand, aber was zu seinen Füßen passiert ist längst viel interessanter geworden. Findet der Techniker auch: er textet von präsenz.

20:59 Aber Abwesenheit wird unser Thema bleiben. Die eben noch telefoniert haben, verschwinden wieder. Licht aus. Dafür dürfen wir wieder Videos sehen, MMS vom Rand der Welt, oder den Rändern… Dschungel und das innere eines Shopping-Centers…

21:01 Mit Fug und Recht könnten wir von unserem Raum und unserer Situation hier auch ein Video versenden, mindestens so abenteuerlich was hier passiert, wie die Sachen, von denen wir da lesen und ich ahne: das ist kein Zufall…

21:03 Zeit für Beweise. Wir beobachten Lars mit der Webcam (das kann jeder Internetuser auf der Welt grade machen). Der ist echt am See. Ein bisschen Realität auf der Leinwand, dann war der Rest wohl auch echt… aber vielleicht ist das auch egal…

21:06 Aber Gewisseheiten haben hier keine lange Haltbarkeit. Grade haben wir noch ein Video als Beweis gesehen, dafür, dass Lars irgendwo ist (das er hier nicht ist, das glauben wir gerne, das sehen wir ja). Jetzt sehen wir wieder eins: das innere eines zeltes, die Expediteure sitzen zusammen und interviewen einen Bewohner des Randes der Welt. Und ist das jetzt live? Denn unser Freund, der Techniker, ist schließlich grade vor unseren Augen mit der Kamera in ein Zelt gekrochen… Das stand schon die ganze Zeit da. Wenn die jetzt alles, die ganze zeit in diesem zelt saßen, dann hol ich den Zauberkasten wieder raus…

21:08 wir lernen: wenn die illusions-maschine Theater auf die medien-gesellschaft trifft, dann kann man solche Begriffe wie Beweis oder Gewissheit getrost in die Tonne treten – dann kann man auch ruhig Romane über Forscher-Väter schreiben, die nur 10 prozent von der Wahrheit enthalten…

21:10 schönes schlusswort – offenbar ist nämlich schluss. wieder licht. “Ende der Vorstellung” steht auf einem Zettel (wie klassisch). und der blog ist plötzlich auf der Leinwand. Ja, richtig. Der, den ich die ganze zeit geschriben habe. live. echt…

versprochen.

Die “Dritte Expedition an den Rand der Welt” in der Roten Fabrik gibt es nochmal am 7., 8., 13., 14. Mai, jeweils um 20 Uhr!

Bühne


Erste Live-Theaterkritik auf kulturblog.ch

Morgen startet die Theatergruppe Schauplatz International im Fabriktheater ihre “Dritte Expedition an den Rand der Welt“. Ein Projekt, bei dem die Darsteller nicht anwesend sind, sondern aus der Peripherie per Handy-Anweisungen das Geschehen im Theater steuern. kulturblog.ch ist mit einer Live-Theaterkritik dabei. Vielleicht ist dies die erste Live-Theaterkritik weltweit…
Also: Morgen Dienstag ab 20 Uhr kommentiert die Theaterkritikerin Katja Grawinkel hier auf kulturblog.ch live aus dem Zuschauerraum des Fabriktheaters die “Dritte Expedition an den Rand der Welt”.

Bühne


Theater am Rednerpult

Foto Stephan Rappo
Vor zwei Wochen brachte Maggie Tapert mit ihrem Sex-Casting im Theater am Neumarkt die Zürcher Kulturbeamten in Wallung, gestern war sie wieder in dem Theater, als regulärer Premierengast. Vielleicht dachte die Sexberaterin, sie könne von der ”Publikumsberatung” (so heisst das Stück) etwas lernen. Wahrscheinlich wollte sie aber einfach einmal sehen, was sonst so in dem Theater läuft.
Nichts skandalöses an jenem Abend — und auch nichts, was sich als besonders herausragend erweist. Das Stück von Kathrin Röggla mit dem Ex-Ensemble-Mitglied Leopold von Verschur in der Hauptrolle, ist eine intellektuelle Spielerei, das wie ein Comedy-Stück beginnt und je länger je verrückter, aber auch anstrengender wird. Eineinhalb Stunden spricht der schüchterne, leicht verwirrte Mann, der doch sehr von sich selbst überzeugt ist, am Rednerpult, von Foucault und Jean Paul, vom Kapitalismus und vom Neobiedermeier. Von einer Redner-Agentur engagiert, weiss der Redner weder worüber er genau spricht, noch zu welchem Anlass — ein Konzept, das überstrapaziert wird.
Hier noch ein Ausschnitt aus dem wunderbaren Prolog, vorgetragen vom “Sponsor des Abends”, Franz Tröger:

“das theater, in dem wir uns heute versammeln, steht an einem scheideweg. ein intendant wird es zum ende der spielzeit verlassen, mit ihm sein gesamtes künstlerisches team, er wird ausgetauscht gegen zwei neue — halb so alte. (das was ich zu meiner Frau, natürlich nur im scherz, sage: ‘wenn du 50 wirst tausche ich dich ein gegen zwei 25jährige!’, hier wird es ereignis.)”

Bühne, Sonstiges


Die Antwort des Opernhauses auf Knie

Fotos Suzanne Schwiertz
Gegen den Lärm der Fussballfans an der Euro 08 erhält das Zürcher Opernhaus von der Stadt neue Lärmschutzfenster geschenkt, gegen die Konkurrenz des Circus Knie vor dem Haus hilft es sich selber: In der Neuproduktion “Boris Godunow” (Bilder oben) sind ein Löwe und ein Pferd zu sehen. Nun gut, die beiden Tiere leben nicht, und gegen die Knie-Pferde anzukommen, ist ohnehin nicht einfach. Der ausgestopfte Löwe (ein Zitat auf ein Gemälde von Hieronymus Bosch) macht aber einen stolzen Eindruck, das abgehalfterte Exemplar im Zoologischen Museum kann da nicht mithalten. Vielleicht setzt das Opernhaus während eines Knie-Gastspiels irgendwann auch mal Aida an, dann käme es zum Duell der Elefanten.
Apropos Opernhaus und Circus Knie: Alexander Pereira und Franco Knie sind ganz ähnliche Typen, mit ähnlichem Charme und ähnlichem, strikten Führungsstil. Wer in dem Knie-Monat am Bellevue der Star ist, darüber lässt Franco aber keine Zweifel zu: der Ex-Freund von Prinzessin Caroline trägt nicht nur bei Sonnenschein eine Sonnenbrille, sein Gang ist je nach Interpretation stolz bis überheblich.

Bühne


Schauspielhaus: Blutbad an der Hochzeit

Foto Matthias Horn
Der Boden der grossen Schiffbau-Halle ist vollständig mit Erde bedeckt, an einigen Stellen wächst Gras. Der Autor Roland Schimmelpfennig und der Regisseur Jürgen Gosch haben speziell für die Halle 1 ein das Stück “Hier und Jetzt“ erarbeitet. Doch — und das ist eher enttäuschend – hat man sich mal hingesetzt, so unterscheidet sich die amphitheaterartige Anordnung nicht mehr stark von einem Guckkasten-Theater; das Stück hätte fast ohne Einschränkung auch im Pfauen gespielt werden können.
Über die gesamte Vorstellung hinweg sitzt eine Hochzeitsgesellschaft an einer langen Tafel. Unter den Gastgebern und Gästen spielen sich archaische Szenen ab: Da wird aufeinander eingeschlagen, Nackt umhergerannt, ein Regenwurm gegessen. Und während alldem ziehen die Jahreszeiten vorbei – nur das grosse Hochzeitsessen ist nie vorüber.
Wie die verschiedenen Zeit- und Inhaltsebenen parallel aufgezogen werden, ist höchst faszinierend. Viel passiert, doch es wird weitergetafelt, als sei alles ruhig. Die zukünftige Geliebte der Braut sitzt unter den Gästen, der Bräutigam schlägt gnadenlos auf ihn ein, alles wiederholt sich mehrmals, Blut fliesst in Strömen. Erst ist das amüsant, doch irgendwann vergeht auch den Ekeltheater-gewohntesten Zuschauern das Lachen. 
Wenns nach zweieinviertel Stunden ohne Pause heisst, “Gehen wir, Lichter aus, Ende”, so ist dies eine Erlösung, nicht nur wegen dem schmerzenden Hintern. Und doch: Sich das anzutun ist durchaus lohnenswert.

Bühne


Steps: Frauensache

Foto zvg
Mit der israelischen Inbal Pinto Dance Company ist das Tanzfestival Steps zurzeit zu Gast in der Gessnerallee und füllt die Halle bis zum letzten Platz. Das Durchschnittsalter scheint etwas höher als sonst, geschätzte 80 Prozent des Publikums sind Frauen. Es ist sanfter Tanz, der da gezeigt wird, mit Bewegungen zwischen klassisch und zirzensisch und einer Ästhetik zwischen Debutantenball und Märchenwald. Ein Abend zum Eintauchen und Geniessen, voller einprägsamer Bilder, der aber ohne Ausbrüche immer in ähnlicher Stimmungslage verharrt. Ein Stück wie geschaffen für Steps: leicht zugänglicher Tanz auf sehr gutem Niveau, bei dem am Schluss die Zuschauer zwar nicht euphorisch, aber doch alle zufrieden sind (auch die Männer).