Marc Richs Geschenk im Kunsthaus
2001 unterzeichnete der damalige Stadtpräsident Josef Estermann einen Brief an den damaligen US-Präsidenten Bill Clinton, mit der Bitte, den Milliardär und Steuerbetrüger Marc Rich zu begnadigen. Einer der Hauptgründe für Estermanns Unterschrift kann demnächst im Kunsthaus betrachtet werden. In der Medienmitteilung heisst es:
“Die Marc Rich Collection, die der grosszügige Geschäftsmann aus Anlass des 150. Geburtstags der Fotografie 1989 dem Kunsthaus schenkte, bildet den Grundstock für den Sammlungsbereich der klassischen, künstlerischen Fotografie.”
Die Ausstellung mit Fotografien aus der Marc Rich Collection dauert vom 20. Juni bis zum 3. August.
Übrigens: das Geschenk zahlte sich für Rich aus, Clinton begnadigte ihn.
Limmatquai: Kunst statt Zurich Film Festival
Auf diesem Foto von 1900 ist bei der Rathausbrücke eine Halle zu sehen, die es heute nicht mehr gibt, die Fleischhalle:

Letztes Jahr setzte das Zurich Film Festival an jener Stelle sein Empfangszelt auf:

Die Stadt hat nun einen Studienauftrag ausgeschrieben, um dort einen 600′000 Franken teuren Kunstbau zu errichten, der 10 Jahre stehen bleiben soll.
Das Zurich Film Festival muss weichen – ausser es gibt selbst ein Projekt ein, bei dem es glaubhaft machen kann, dass es eine adäquate künstlerische Intervention sei, das Zelt 10 Jahre lang stehen zu lassen.
Referendum gegen Cabaret Voltaire zustande gekommen
Rund 2100 Unterschriften hatte die SVP gegen den Kredit fürs Cabaret Voltaire gesammelt, 2000 wären nötig. Nun hat die Stadt die Unterschriften kontrolliert, die Anzahl ungültiger Unterschriften hielt sich in Grenzen, das Referendum ist somit zustande gekommen, wie SVP-Parteisekretät Bruno Sidler gegenüber kulturblog.ch bestätigt. Fürs Cabaret Voltaire heissts damit: Auf in den Abstimmungskampf. Damit im Herbst die Schlagzeile um die Welt geht: “Zürcher bevorzugen das Cabaret Voltaire dem Club of Rome”.
Jonathan Meese: Präpubertär in die Prähölle
Kunstsammler Harald Falckenberg spricht, der Künstler Jonathan Meese steckt sich währenddessen Zahnbürsten in den Mund. Die “Diktatur der Kunst” soll im überfüllten Cabaret Voltaire ausgerufen werden. Das Museum dient als “säkuläre Vorhölle”, die Kunst als Religion der Nichtgläubigen. Und Jonathan Meese ist der Messias, “präpubertär”, wie Falckenberg richtig feststellt. “Jonathan, Mal! Mal! Mal!”, spornt der Kunsttheoretiker Bazon Brock den “Popstar der Kunst” an, dessen Werke an der Art Basel zu enormen Summen die Hand wechseln.
Betrunken streckt Meese den Arm zum Hitlergruss aus, die Fotografen stürzen sich auf ihn; er kann endlos vor sich hin labern und Professor Bazon Brock lobt darauf hin unwidersprochen seine “homerische Grösse”.
Die Wände des Cabaret Voltaire und die Achselhöhlen Meeses sind nun neu bemalt. Auf der Bühne ein gehypter Künstler und ein reicher Kunstsammler, der auch ein bisschen Künstler sein möchte, dazu Bazon Brock als Stichwortgeber von der Seite — die Absurdität des Kunstbusiness könnte kaum besser aufgezeigt werden. So soll Dada sein.
Einige Bilder:
-> Ergänzungen/Anmerkungen dazu auf rebell.tv
Nachtrag: Das Referendum der SVP gegen den Kredit für das Cabaret Voltaire ist zustande gekommen, wie der Tages-Anzeiger berichtet. Abstimmungstermin sei voraussichtlich der 28. September.
So viel müsste man ohne Subventionen bezahlen
In der Ausstellung “Schweizerfilm — Träume, Geld und Geist” im Berner Käfigturm ist auf einer Liste aufgeführt, wie hoch der Kinoeintritt von erfolgreichen Schweizer Filmen für die Deckung der Kosten hätte sein müssen, wenn er keine Subventionen erhalten hätte:
Tout un hiver sans feu: Fr. 297
Beresina: Fr. 177
Reise der Hoffnung: Fr. 117
Mein Name ist Eugen: Fr. 46
Mais im Bundeshuus: Fr. 27
Die Herbstzeitlosen: Fr. 13
Schweizermacher: Fr. 3
Wie sieht das in anderen Kultursparten aus? Hier der fiktive durchschnittliche Eintrittspreis in Zürcher Institutionen, wenn sie ohne Subventionen auskommen müssten (Annahme: 10 Prozent der Einnahmen über Sponsoring/übrige Einnahmen):
Opernhaus: Fr. 460
Schauspielhaus: Fr. 242
Museum Rietberg: 60
Kunsthaus: Fr. 56
Zugegeben, diese Methode ist etwas fragwürdig — dennoch sind die Zahlen eindrücklich. Eigentlich könnten die Institutionen diese für die Werbung nutzen. Zum Beispiel:
Aktion!
‘Der Kaufmann von Venedig’ im Schauspielhaus nur Fr. 65.- statt Fr. 242.-
oder:
Museum Rietberg, ‘Kultur aus Kamerun’ 150 exklusive Werke, nur Fr. 16.- statt 60.-
ewz-Unterwerk Selnau an Haus Konstruktiv?
Laut Eigenbeschrieb ist das ewz-Unterwerk Selnau “einer der attraktivsten Kulturräume der Stadt Zürich”. Nun droht dieser Kulturraum verloren zu gehen — zumindest für freie Veranstalter. Das Haus Konstruktiv will gemäss NZZ am Sonntag den Raum langfristig für eigene Ausstellungen beanspruchen. Zurzeit ist dort die Ausstellung “Plattform08″ zu sehen, bekannt ist das Unterwerk vor allem durch das Festival ewz.stattkino (früher Volts&Visions).
Dass das Haus Konstruktiv erweitern möchte, ist nachvollziehbar. Nur: alle andern werden damit wohl an den Stadtrand gedrängt.
Kunstraub schafft Jobs
Wenige Wochen nach dem Raub im Bührle-Museum zeigt der Überfall Wirkung auf dem Arbeitsmarkt. In folgendem Stelleninserat sucht ein Basler Museum (es könnte das Antikenmuseum sein) einen Leiter Museumssicherheit und -technik. Laut Inseratetext handelt es sich um eine neu geschaffene Stelle:

(Quelle: Alpha)
Weitere Stelleninserat dieser Art dürften in Kürze folgen.
Zum Thema:
180 Millionen in drei Minuten
Bührle-Raub: Kunsthaus-Erweiterung hinfällig?
Junge Kunst: Bauernmalerei und Kirchenorgel

Immer wieder liest man von einem angeblichen Trend einer Wiedergeburt der Malerei. Bei einem solchen Artikel könnte man auch Marc Elsener einbeziehen, der bei der “Plattform08” im ewz-Unterwerk Selnau so etwas wie moderne Miniatur-Bauernmalerei zeigt. Beim genauen Hinsehen gibt es einiges zu Entdecken (siehe Ausschitt oben). Ist das banal?
Elsener hat seinen Schwerpunkt während des Studiums u.a. auf Kupferstich gelegt; alte bzw. urtümliche Ausdrucksformen liegen ihm offensichtlich. Dass man sich nach dem Besuch einer Sammelausstellung von jungen Künstlern ausgerechnet an eine profane Malerei erinnert, gibt Elsener recht.
Ein weiteres Werk, für das es sich lohnt, in die Ausstellung zu gehen, ist eine Videoinstallation von Annette Amberg. In einem dunklen Raum projiziert sie, wie ein Orgelspieler auf einer Orgel spielt, die keine Töne von sich gibt, zu hören ist nur das Geklapper von den Tasten und Pedalen. Ein erhabenes Instrument, das einfach nicht die Klänge von sich gibt, das man von ihm erwartet – stark.
Hildegard Schwaninger und ihr Warhol-Portrait

Eine Notiz zum Namen Hildegard Schwaninger: Die bekannteste Zürcher Klatschjournalistin liess einst von Andy Warhol ein Portrait von sich anfertigen. Warhol malte gleich deren zwei, eines für sich, eines für die Auftraggeberin. Heute wurde bei Sotheby’s in London jenes Portrait versteigert, das Warhol behalten hatte. Der Preis: 168′500 GBP (355′000 CHF). Da Schwaninger zuvor gesagt hatte, dass sie bis 400′000 Franken mitbieten werde, kann davon ausgegangen werden, dass sie sich selbst nun zweifach an die Wohnzimmerwand hängen kann.
Nachtrag 29. 2.: Hildegard Schwaninger hat das Portrait doch nicht ersteigert, wie persoenlich.com berichtet. Sie habe nur bis 120′000 Pfund mitgeboten.
Rote Fabrik: Ehre ohne eigenes Zutun
Eine Einladung an das Berliner Theatertreffen ist die höchste Ehre, die ein deutschsprachiges Theater erfahren kann. Nebst dem Schauspielhaus ist dieses Jahr auch die Rote Fabrik mit Marthalers “Platz Mangel” eingeladen. Dass ein alternatives Kulturzentrum an das Stadttheatertreffen fahren darf, ist aussergewöhnlich. Ein Zeichen dafür, dass die Rote Fabrik endgültig Teil des bürgerlichen Kulturestablishments geworden ist?
So einfach ist das nicht. Denn: Die Rote Fabrik kommt ohne eigenes Zutun zur Theatertreffen-Einladung. Marthaler brachte für “Platz Mangel” sein gesamtes Team mit, niemand aus dem Umfeld der Roten Fabrik hatte irgend etwas mitzureden. Marthalers Produzent hat alles Geld selber aufgetrieben — die Fabrikler hatten nur den Raum freizuhalten und den Kartenverkauf zu organisieren.
Das ist an sich kein Problem. Doch man würde sich wünschen, die Rote Fabrik würde mit dem normalen Programm mehr von sich reden machen. Abgesehen von der Marthaler-Produktion kann ich mich in den letzten Jahren nur an zwei Ereignisse erinnern, bei denen die Rote Fabrik Stadtgespräch war: Beim Plakat zur Faschismus-Ausstellung und bei der Beltrametti-Produktion von 400asa.
Sonst hört man vor allem, dass gewisse Künstler über viele Jahre in ihren billigen Ateliers sitzen bleiben und den Weg für Neues versperren. Akzente setzt der St. Galler Gemeinderat und Poetry-Slammer Etrit Hasler, er macht eine eigenständige, starke Fabrikzeitung — doch wer kennt schon die Fabrikzeitung? Nicht beurteilen kann ich das Musik-Programm.
Die Einladung ans Theatertreffen bringt der Roten Fabrik international Publizität. Wer weiss, vielleicht verleiht dies der Fabrik neuen Schwung — es wäre dringend nötig.
Zum Thema:
Marthalers zweites Versprechen
Plakatstreit: Hoby als allmächtige Instanz
180 Millionen in drei Minuten

Und ich war mal in einem Museum, da habe ich in 49 Minuten 743 Millionen gesehen.
Bührle-Raub: Kunsthaus-Erweiterung hinfällig?
Das Kunsthaus will einen Erweiterungsbau für 150 Millionen Franken, vorwiegend, um dort die Bührle-Sammlung unterzubringen. Die Frage des Tages lautet insofern: Wenn die bedeutendsten Bührle-Bilder gestohlen werden, wird dann auch die Kunsthaus-Erweiterung hinfällig?
Pipilotti Rist: Liege & Lounge

Pipilotti Rist musste für ihr Kempin-Spyri-Denkmal an der Uni Zürich ziemlich Prügel einstecken. Ob die überdimensionierte Liege der ersten Schweizer Juristin gerecht werde, sei hier nicht noch einmal abgehandelt. Doch wenns ums Liegen, bzw ums hinfläzen geht, so lohnt sich wieder einmal eine Fahrt nach St. Gallen, zu Pipilottis “Stadtlounge”.
Über zwei Jahre nach der Einweihung wirkt das Gebiet mit dem roten Gummiboden noch immer surreal – ein Wohnzimmer im Freien, das von Autos durchfahren wird. Und noch immer staunt man über den Mut, ein solch grossflächiger künstlerischer Eingriff in eine Stadt zuzulassen. Eigentlich erstaunlich, dass kaum mehr über dieses Projekt gesprochen wird.
Open-Source-Bier

An Open-Source-Software hat man sich gewöhnt, auch dieser Blog hier läuft auf einer Software, die jeder verändern und weiterentwickeln darf, sofern dann auch die Weiterentwicklung für alle gratis zur Verfügung steht. Das Dänische Künstlerkollektiv Superflex testet, ob das Open-Source-Modell auch bei traditionellen Produkten funktioniert.
“Free Beer” heisst das Projekt, die Superflex-Künstler in der neuen Ausstellung “Wouldn’t it be nice… – 10 Utopien in Kunst und Design” im Museum für Gestaltung präsentieren. Die Rezeptur des Bieres steht allen offen, jeder darf sie übernehmen und weiterentwickeln, unter der Bedingung, dass die neue Bierrezeptur wiederum offengelegt wird.
Da die Reproduktion von Software einfach und kostenlos möglich ist, ist bei Open-Source-Software das Endprodukt meist gratis erhältlich. Beim Bier ist das leider nicht der Fall. Nur das Rezept ist gratis, das Bier nicht. Nichts gewesen also mit Freibier (ausser gestern an der Vernissage). Der Biertrinker profitiert beim Creative-Commons-Lizenz-Bier also höchstens vom besseren Geschmack. Und ob der Geschmack auch wirklich besser ist? Ich weiss nicht. Aber bei Kunst sollte Geschmack ja sowieso keine Rolle spielen…
Ansonsten ist die Ausstellung eher enttäuschend, viel Utopisches ist nicht zu sehen. Eindrücklich ist die Modelinie der Spanierin Alicia Framis, bei der sämtliche Kleidungsstücke aus einer chinesischen Flagge geschneidert sind. Offenkundiger kann die “Made in China”-Flut nicht dargestellt werden. Doch auch das ist keine Utopie, sondern Realität.
Die UBS-Maschine

Es gibt Dinge, bei denen scheitert das menschliche Vorstellungsvermögen. Zum Beispiel beim Betrag von 21 Milliarden Franken – soviel hat die UBS nach heutigem Stand in den USA verspekuliert. Mit dieser Geldvernichtungsmaschine wurde lange viel Geld verdient. Wie geht das? Eine Antwort darauf lieferte vor sechs Jahren Harald Szeemann. Der Geldschredder an der Expo 02 im von Szeemann kuratierten Pavillion der Nationalbank zeigte genau diesen Mechanismus auf. Ein Roboter liess eine 100-Franken-Note nach der andern durch den Schredder, einige Monate lang, 24 Stunden pro Tag. Im Vergleich zur UBS war die Maschine unglaublich ineffizient. Doch dass man sich bei einem Ereignis nach so langer Zeit an ein Kunstwerk erinnert, das zeigt einmal mehr Genialität Szeemanns auf.