Der Schriftsteller Adolf Muschg hielt letztes Jahr am Historikertag in Konstanz eine Rede, deren Kernbotschaft es war, die Mundart verkomme immer mehr zu einer ”McSprache”:
“Viele Jugendliche sprechen heute ein – wie überall mit englischen Brocken versetztes – Abkürzungs-idiom, das als ’schweizerisch’ nur noch an seiner Phonetik zu erkennen ist, an Syntax und Wortschatz nicht mehr – von dem besonders reich gewesenen Modusgebrauch der älteren Mundart ganz zu schweigen.
Es wird mir an diesem Punkt nicht ganz leicht, ein Wort wie ‘Sprachverfall’ zu meiden. Einem neutralen Sprachforscher fiele es wohl nicht schwer, auf dieser neuen Stufe der Kommunikation ein faszinierendes Ausdrucksrepertoire auszumachen. Aber auch er würde wohl nicht leugnen, dass diese Sprache mit derjenigen, ‘die für dich dichtet und denkt’, nichts mehr gemein hat. Wie sollte sie Respekt vor etwas haben, was sie nicht kennt?” (Quelle: Tages-Anzeiger)
Heute sagt sein Berufskollege Urs Widmer im St. Galler Tagblatt:
“Wissen Sie, ich habe ein Verhältnis zur Sprache, das nicht moralisiert. Die Sprache tut, was sie tut. Und ich schaue zu, was sie tut, verwende das manchmal eins zu eins, aufrichtig, und manchmal mit kritischer Ironie. Aber die Sprache hat immer recht. Ich bin gegen Sprachkämpfe, gegen Vorwürfe, dass zu viele englische Wörter gebraucht würden, zu wenige französische, dass wir unsern Dialekt pflegen sollten. Ich bin einer, der wie ein Korken auf dieser Sprache schwimmt und dabei seinen wachen Kopf gebraucht.”
Die beiden Zitate sagen mehr über den Charakter der zwei Schriftsteller aus als über das Wesen der Sprache. Auf der einen Seite ist da der Moralist, der Warner, auf der anderen der wache, auch zur Ironie bereite Beobachter. Keine Frage, wer mir sympathischer ist. Obwohl, bei Adolf Muschg habe ich oft das Gefühl, dass er im tiefsten Innern gar nicht so ist, wie er sich gibt. Sondern jemand, der in seiner ganzen Liebe fürs Detail heimlich den gesellschaftlichen und sprachlichen Wandel neugierig und freudvoll miterlebt. Doch die Verlockung, im Moralisten-liebenden Deutschland zur obersten Liga jener zu gehören, die das ‘Gewissen der Nation’ genannt werden, verleitet ihn dazu, bei jedem Thema die Stirn zu runzeln und den Mahnfinger zu heben.