Sonstiges


Nobelpreis — Journalistenpech

Gewisse Ereignisse kann man auf der Redaktion gut im Voraus planen, zum Beispiel die Verleihung des Nobelpreises. Man geht die Liste der Anwärter durch, überlegt sich bei jedem, was man bei ihm schreiben würde, beziehungsweise, mit welchem Experten man über den jeweiligen Autoren sprechen könnte.
Das wurde alles gemacht, die Experten im Voraus avisiert, schliesslich möchte man sie im Falle des Falles möglichst rasch am Apparat haben. Über den meistgenannten Favoriten, den Italiener Claudio Magris ist das Interview bereits geführt, der Kabarettist Massimo Rocchi war des Lobes voll für den Autoren.
Aber bekanntlich kam alles anders. Um 13 Uhr hiess es: «Der Nobelpreis geht an Jean-Marie Gustave Le Clézio.» – «Hä? An wen?», so die erste Reaktion. Was jetzt? Ein Anruf an Andreas Isenschmid nach Berlin. Er könne nichts dazu sagen, er habe erst ein Buch von Le Clézio gelesen. Versuchen wir’s doch mal mit dem Romanischen Seminar der Uni Zürich. Fehlanzeige, die Professoren seien alle nicht da, so die Sekretärin. Beim Institut für Französische Literatur in Bern ist die Professorin freudig überrascht über den Anruf, sie hatte noch nichts von der Preisbekanntgabe gehört. Etwas sagen könne sie aber nicht, sie müsse gleich in eine Vorlesung. Dafür empfiehlt sie, einen Professor in Neuenburg anzurufen. Der besagte Professor fühlt sich aber nicht befugt, er sei auf das 19. Jahrhundert spezialisiert. Beim Verlag Kiepenheuer & Witsch, wo die Bücher des Nobelpreisträgers auf Deutsch herauskommen, ist man total überrumpelt, Auskunft könne man frühestens am späteren Nachmittag geben — zu spät für einen Online-Redaktor. Nächster Versuch: Die zwei französischsprachigen Buchhandlungen in Zürich. Doch bei beiden können die auf Literatur spezialisierten Buchhändler nicht mehr sagen als: «Doch doch, wir habe Le Clézio im Angebot, er verkauft sich nicht so schlecht.»
Na ja, schreibt man halt sonst was, nachzulesen unter dem Titel Kaum jemand kennt den Nobelpreisträger. Immerhin, das Interview mit Massimo Rocchi ist für das nächste Jahr bereits im Kasten.

Bühne, Sonstiges


Aktuelle und zukünftige Serien-Stars

Das Theater Neumarkt hat bekanntlich eine neue Direktion, am 2. September um 11 Uhr präsentiert sie den Medien ihre Pläne und ihr neues Ensemble. Das Schweizer Fernsehen hat bekanntlich eine neue Arztserie, am 2. September um 11 Uhr dürfen sich die Medien die ersten zwei Folgen anschauen. Das eine hat mit dem andern nichts zu tun, mag sich manch einer denken. Aber halt! Ziemlich viele Ex-Neumärktler haben bei Film und Fernsehen Fuss gefasst, bei “Lüthi und Blanc” waren mehrere mit dabei, bei der Arztserie “Tag und Nacht” spielt Daniel Rohr mit wohl nicht als einziger. Und so kann man folgern: Am 2. September um 11 Uhr werden beim Bahnhof Stadelhofen die aktuellen Serien-Stars vorgestellt, im Theater am Neumarkt die zukünftigen.

Sonstiges


Kongresshaus: Unrealistischer Vorschlag aus schlechtem Gewissen

Aus Missgunst haben einige einheimische Architekten das Kongresshaus von Moneo bekämpft – über ihren Erfolg waren sie wahrscheinlich selbst überrascht. Offenbar ist ihnen nicht mehr ganz wohl in ihrer Haut, deshalb kommen sie jetzt mit einem gut klingenden, aber völlig unrealistischen Vorschlag: Aus dem alten Kongresszentrum ein Kulturzentrum zu machen. Man nehme das Wort Kultur in den Mund — das wirkt immer nach einer hehren Absicht, mögen sich die Architekten gedacht haben.  
In Zürich ein weiteres grosses Kulturzentrum zu etablieren ist etwa so realistisch, wie ein Becken für einen zweiten See auszuheben. Man sehe nur, wieviel Mühe schon die bestehenden Häuser haben, zu mehr Subventionsgeld und Besuchern zu kommen. Vor der Erneuerung des Theater 11 hätte man noch sagen können, man könnte das kommerzielle Theater von Oerlikon in an den attraktiven Standort in die Stadt holen — aber dafür ist es zu spät.
Jedenfalls: Mit einem solchen Vorschlag werden die Verhinderer-Architekten den Schaden nicht wettmachen können, den sie angerichtet haben.

Sonstiges


Jedem Festival die Promigäste, die es verdient

Bis Ende des Filmfestivals Locarno werden fünf Bundesräte dort gewesen sein, weiss heute die Aargauer Zeitung. Das Filmfestival wird zum Politiker-Treffen. Ganz anders das Lucerne Festival. Dort sind zwar auch immer ein paar Politiker vertreten, hauptsächlich zeigt sich dort aber die Wirtschaftselite.
An Festspielen im angrenzenden Ausland ist das gleiche Phänomen zu beobachten: Nach Bayreuth gehen die Politiker, nach Salzburg die Wirtschaftsführer. Prominenz bleibt offenbar gerne unter sich; aufgeteilt nach den Promi-Kategorien Show, Wirtschaft und Politik. Kommt einer, kommen die andern auch. Doch weshalb gehen die Politiker ausgerechnet nach Locarno und die Wirtschaftsführer nach Luzern – und nicht umgekehrt? Der Schluss liegt nahe: Sie folgen ihrem Geld. Locarno ist hochsubventioniert, das Lucerne-Festival finanziert sich vorwiegend über Sponsoring-Gelder.
Und wohin geht die Showprominenz? Vielleicht dorthin, wie sie nicht mit Politikern und CEOs posieren muss? Jedenfalls: Jedes Festival erhält jene Promi-Gäste, die es verdient.

Sonstiges


Künstlerduo Nef / Roschacher

Bundesanwalt Valentin Roschacher wurde nach seinem unfreiwilligen Abgang Kunstmaler. Vielleicht geht nun auch der zurückgetretene Armeechef Roland Nef unter die Künstler und macht sein Hobby, das Klavierspielen, zum Beruf. Nun ja, eine Anstellung im Opernhaus kommt wohl nicht mehr in Frage… Aber Roschacher und Nef könnten sich das Atelier, bzw. den Übungsraum teilen — und ihre Vergangenheit gemeinsam mit Berg- und anderer Romantik vergessen machen. 

Sonstiges


kulturblog.ch auf DRS 2

Just wenn hier wegen der Sommerflaute und anderweitigem Engagement nicht viel läuft, bringt DRS2aktuell einen Beitrag über kulturblog.ch… Ein Dankeschön nach Basel.

Beitrag hören:

Sonstiges


Das Tor zu Downtown Switzerland

Foto rb
Little Big Village

Politik, Sonstiges


Subventionsausbau: Wann platzt die Blase?

Die Stadt Zürich baut bei den Kultursubventionen weiter aus, wie letzte Woche vermeldet wurde. Für die Periode 2009 bis 2012 beantragt der Stadtrat dem Gemeinderat eine ganze Reihe von Subventionserhöhungen. Bereits im Januar stimmte der Gemeinderat einer Tranche von Subventionserhöhungen zu, einige Wenige erhielten gleichviel wie bisher, Kürzungen musste niemand befürchten, egal wie gut oder schlecht gearbeitet wurde – ausser das Cabaret Voltaire, an dem SVP und FDP ein Exempel statuieren möchten.
Kulturchef Jean-Pierre Hoby möchte es sich in seinen letzten Jahren vor der Pensionierung mit niemandem mehr verscherzen. Allen ein bisschen mehr zu geben ist gemütlicher als Prioritäten zu setzen und für gewisse Institutionen auch mal einen schmerzhaften Entscheid zu treffen. Nach seinem Abtritt, wenn die Steuerausfälle durch die gebeutelte UBS so richtig spürbar werden, könnte für einige, die sich heute über den Geldsegen freuen, die Subventionsblase platzen. 

Literatur, Sonstiges


Kulturangebot auf dem Lande: Lesebank

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Gesehen bei Rifferswil ZH. In der Box sind ausschliesslich Kinder- und Jugendbücher.

Sonstiges


Der Kran, der aus dem Kamin kam

Foto rb

Aus den meisten Kaminen kommt Rauch, aus diesem hier ein Kran. Zumindest wenn man von der Kehlhofstrasse bei der Schmiede Wiedikon aus schaut.

Bühne, Sonstiges


Oper in der Fanzone: Besser als Fussball

Fotos rb

Dem Opernhaus ist mit der Übertragung der Carmen-Premiere in der Fanzone am Bellevue ein Coup gelungen. Der Ansturm war grösser als an manchen Vorrunden-Spielen, alle Sitzplätze wären besetzt, Hunderte von Leuten mussten stehen oder auf dem Boden Platz nehmen. Damit ist klar: einer der grössten Profiteure der Euro ist das Zürcher Opernhaus. Die Kosten für die neuen Schallschutzfenster und für diese geniale PR-Aktion einer Gratis-Opern-Übertragung übernahm die Stadt. Der Nutzen, der das Opernhaus daraus zieht, reicht weit über die Euro hinaus.
Schauspielhaus-Direktor Matthias Hartmann hat die “Carmen” auf Hochglanz poliert, aalglatt wie ein Spoerli-Ballett kommt seine Inszenierung daher — für eine Grossleinwand-Übertragung ideal. Nur eine kurze Bild-Ton-Verzögerung trübte an dem wunderbaren Sommerabend den Genuss der Bizet-Ohrwürmer, doch wenn man beim Zuschauen ein paar Carlsberg-Biere zu sich nahm, war dies kaum mehr bemerkbar. 
Eigentlich sollte das Opernhaus nun einen Schritt weitergehen und seinen Chor und den Escamillo beim Euro-Finale zur Verfügung stellen, damit die bei jedem Tor der Spanier das “Toreador”-Lied anstimmen können.

Zum Thema:
EM & Pereira: Unnötig geschimpft

Sonstiges


Keine Kultur mehr und keiner merkts

Auf die Frage, was die Auswirkungen wären, wenn alle Kultursubventionen gestrichen würden, sagt der angesehene frühere Feuilletonchef der Basler Zeitung, Hans-Joachim Müller, im ProLitteris-Magazin “Gazetta”:

“Die Mehrzahl der Leute würde gar nichts merken.”

Bitter. (Müller ist notabene ein grosser Verfechter von Kultursubventionen.)

Bühne, Sonstiges


EM & Pereira: unnötig geschimpft

Schon Monate vor dem Anpfiff zur Europameisterschaft schimpfte Opernhausdirektor Alexander Pereira über den Anlass. Er fürchtete, die Operngänger würden durch die Fans gestört. Und überhaupt, die Stadt habe keine Ahnung, mache alles falsch. Nach den ersten Spieltagen die Entwarnung: die neuen Lärmschutzfenster nützen, selbst beim grössten Torjubel höre man im Opernhaus nichts; Pereira besuchte sogar ein Spiel im Letzigrund. Und das Erstaunlichste: die EM habe keinerlei Auswirkungen auf den Kartenverkauf. “Sogar bei den Spielen der Schweiz wurden nicht weniger Karten verkauft als sonst”, sagt Pressesprecherin Nadia Stefanizzi.
Vorsorglich mal zu klagen hat in der Kulturbranche ebenso System wie bei den Bauern: so stellt man sicher, dass jedmöglicher Einnahmeausfall vom Staat gedeckt wird. 

Nachtrag: Anders ergeht es dem Schauspielhaus, im Pfauen ist ein klarer Zuschauerrückgang zu verzeichnen; an den zwei Abenden, an denen die Schweiz spielte, mussten die Vorstellungen gar abgesagt werden. Im Schiffbau dagegen, weit weg von der Fanzone, spürt man nichts von der EM, im Gegenteil, die Vorstellungen seien sehr gut besucht (dort laufen zurzeit auch die guten Produktionen).

Zum Thema:
Euro 08: Kultur-Aristokratei gegen Fussball-Pöbel
Zürich: Theater beliebter als Fussball

Sonstiges


In eigener Sache: Kulturblog und Newsnetz

Wie man hier und hier nachlesen kann, übernehme ich die Leitung ‘Kultur und Unterhaltung” des neuen Online-Newsnetzes von Tages-Anzeiger, Basler Zeitung und Berner Zeitung. Start ist am 8. August. Die Plattform www.kulturblog.ch bleibt erhalten und wird in das Newsnetz integriert. Rezensionen, Meldungen und recherchierte Geschichten erscheinen dann auf den regulären Newsnetz-Seiten, gewisse Kommentare (v.a., wenn sie sich vom Tages-Anzeiger unterscheiden…), Nebenaspekte etc. auf kulturblog.ch.

Sonstiges


Die Schweiz ein Zirkus-Biotop?

Spiegel-Online beklagt die Ablösung des traditionellen Zirkusses (“Theater fürs Volk”) durch einen “Showbrei” à la Cirque du Soleil:

“Gegen einen wie ihn, gegen Hollywood im Zelt, haben klassische Zirkusse, die sich ohnehin schon seit Jahren in Agonie befinden, auf kurz oder lang wohl keine Chance. Einzelne werden in geschützten Biotopen wie der Schweiz überleben oder werden wie Roncalli einen Weg finden, Moderne und Klassik zu vereinen. Der Rest läuft Gefahr, auf der Strecke zu bleiben.”

Die Schweiz ein geschütztes Zirkus-Biotop? Soll man dies als Lob oder als Beleidigung auffassen? Jedenfalls, ganz so paradiesisch sind die Zustände für Zirkusse in der Schweiz auch nicht. Zwei funktionieren ganz gut (Knie und Monti) andere halten sich seit Jahren standhaft über Wasser (Royal und Nock) und einem gelingt es je länger je besser, durch ein neuartiges, theatraleres Programm ein neues Zuschauerfeld zu erschliessen (Starlight). Viele weiter sind in den letzten Jahren pleite gegangen; aber Zirkusleute wären nicht Zirkusleute, wenn sie nach einem Konkurs nicht unter einem leicht abgeänderten Namen weitermachen würden — um dann wieder vor leeren Zuschauerrängen zu spielen. Schlimmer als ein Cirque du Soleil sind für die Zirkusbetriebe hypersterile Weihnachtszirkusse wie der Salto Natale; solch lieblose, teure Shows, von der Presse gehätschelt, sind eine ästhetische Plage – der Schaden tragen die alten Wanderzirkusse.

Zum Thema:
Circus Knie: Ode an die alte Bestuhlung
Wie viel Zirkus verträgt Zürich?